An meinen Spotify-Playlists erkenne ich, dass ich fast nur noch ausschließlich Tanzmusik höre, also Musik, zu der ich tatsächlich tanze oder in Gedanken Bewegungen ausführe. Das kann alles Mögliche sein, auch Musik mit Gesang, aber Rhythmus und Melodie haben Priorität. Ich höre also Musik ausschließlich als Form und Bewegung, das, was Musik im Wesentlichen ist, und nicht als Träger von etwas anderem.

Mein Leben lang hat aber Musik mit Gesang mein Leben bestimmt. Dabei geht es hauptsächlich um die Texte oder aber um die Gesangsmelodie und den Klang, die Stimme ist Teil der Instrumentierung.

Ich habe immer schon beides gehört, aber das Instrumentale, das Tanzbare war meistens elektronische Musik (angefangen von Tangerine Dream, Kraftwerk über Hip Hop1,  House, Front 242, LFO, Orbital undsoweiterundsoweiter), während das andere Indie-Gitarrenmusik ist, also Musik, die an der Gitarre entstanden ist, mit der Intention zu singen.

Nun gibt es natürlich beides, aber doch sind es für mich zwei Pole mit vollkommen unterschiedlichen Gedanken und Gefühlen. Mit der Gitarre ein Lied zu singen ist etwas vollkommen anderes als zu Tech-House zu tanzen.

Wie unterschiedlich Singen und Tanzen sind, ist mir seit dem letzten Sommer aufgefallen, als ich wieder angefangen habe, Gitarrenmusik zu hören, sie auf der Gitarre nachzuspielen und dazu zu singen. Tanzen ist eine Kunstform und Singen und Gitarre spielen ist eine andere.

Ich merke, dass ich beides brauche und so richtig klar wurde mir es, als ich mich mit meinen alten Freunden traf, mit denen ich Musik gemacht habe oder mit denen mich diese Musik verbindet. Und vor allem als ich wieder anfing, Lieder nachzuspielen und auf Facebook zu posten. Ich habe einen Youtube-Kanal angelegt und muss jetzt Songs wieder auswendig lernen. Das fällt mir viel schwere als ich dachte, weil mir die Übung fehlt und da wird nämlich auch der Unterschied von Tanzmusik und Gitarrenmusik deutlich, ich muss ganz anders denken, mich ganz anders erinnern, mir ganz andere Sachen merken. Ich muss das Gehirn, das ich so schön auf Tanz trainiert habe, vollkommen neu vernetzten. Singen und Tanzen gehören zwar zusammen, aber eine Person macht nicht beides gleichzeitig. Das ist so als würde man kochen und dabei jonglieren. Das ist zwar beeindruckend, aber es besteht kein wirklicher Zusammenhang. Auch an meinen sozialen Kontakten wird das deutlich, es gibt eine Tanzwelt und es gibt eine Musikwelt. Wenn ich mir Fotos von mir als Tänzer ansehe und Fotos von mir als Musiker, dann sehe ich aus wie zwei verschiedene Personen.

Beides zu können und beides zu tun hat mich in den letzten Monaten sehr bereichert, als hätte ich ein bisschen mehr zu mir selbst zurückgefunden. Musik machen umspannt ja immerhin einen Zeitraum von genau vierzig Jahren, Tanzen – also richtig tanzen – nur die letzten sechs.

Vielleicht mag ich auch deshalb Prince so sehr, weil er beides gleichzeitig und ausgewogen beherrscht.

Zudem ist Gitarrenmusik männerlastig und Tanzen frauenlastig, im Flamenco wird das sehr deutlich. Und genau das ist es auch, was Menschen, die beides tun, so androgyn macht. Interessant dabei ist, dass Frauen, die Gitarre spielen und singen, heute für uns selbstverständlich sind2, Männer, die tanzen, noch nicht so ganz. Aber das kommt, so langsam. Vielleicht. Wer weiß. In meinem persönlichen Umfeld sind das jedenfalls zwei Welten, eine davon fast ausschließlich Männer, eine davon fast ausschließlich Frauen. Gedanklich sind wir wahnsinnig weit und offen, tatsächlich stellt sich das ganz anders dar. Bei den meisten Pop-Bands, die ich höre, spielt er Gitarre, sie singt. 

Ich will gar nicht das Fass aufmachen und ich will auch niemandem vorschreiben, wie und wo er sich in welchem Bild wohlfühlt. Ich persönlich fühle mich in vielen Welten wohl und ich würde mich noch wohler fühlen, wenn die Geschlechter gleichmäßig verteilt wären ohne dabei ästhetische Merkmale zu verlieren, sondern im Gegenteil, die Ästhetik dadurch bereichern. Also keinen Wärmetod einer Kultur oder Gruppe, aber eben auch keinen Geschlechterkampf und auch keinen evolutionsbiologischen Hickhack. Rücksicht, Ruhe, Ausgewogenheit und Liebe, damit die persönliche Kraft sich entfalten kann, auf kleinem Raum und ohne jemanden zu stören, das schwebt mir vor. Vielleicht bereichert man sich dabei sogar. Ich bin ja bescheiden geworden.


1 Hip Hop ist ja beides, aber ich habe es eher instrumental gehört, weil ich sowieso kaum ein Wort verstand.

2 Die Hälfte der Gitarrenanfänger sind Frauen, nach einer Studie von Fender.