Homo Faber

Die Tochter soll Homo Faber für die Schule über die Ferien lesen. Sie hört sich das Hörbuch am letzten Tag mit eineinhalbfacher Geschwindigkeit in vier Stunden an. Ich frage mich, ob Lehrer wissen, welche Skills sich Schüler:innen in Wahrheit aneignen. „Homo Faber“, sage ich, „habe ich auch in Deinem Alter gelesen“. An viel kann ich mich nicht erinnern. Ein Buch über einen mittelalten Mann. Er stürzt mit dem Flugzeug ab und freut sich darauf, sich zu rasieren.

„Er verliebt sich in seine Tochter“, sagt meine Tochter.

Im Ernst? Ich kann mich nicht erinnern. Stimmt, Sabeth heißt sie. Ich kannte mal eine Frau, die tatsächlich Sabeth hieß. Nach dem Roman, nehme ich an. Ich habe das Buch praktisch komplett vergessen. Ein Mann ohne Probleme hat wahnsinnige Probleme, weil er verklemmt ist und auf junge Frauen steht. Gelesen und vergessen. Zu der Zeit war ich Pasolini- und Buñuel-Fan.

„Das ist ja auch wirklich das, was eine siebzehnjährige Jugendliche von heute interessiert: Das Gedankenkonstrukt und Gefühlsleben eines mittelalten Mannes. Lest ihr auch Bücher von und über Frauen?“, frage ich sie. „Nein“, sagt sie „nur so komische Bücher von und über Männer“.

Ich habe mir nie besonders viele Gedanken dazu gemacht, wenn ich mir die Empfehlungsliste für Schullektüre an Gymnasien in Baden-Württemberg ansehe, denke ich, dass das ja keine schlechte Liste ist, man kann sich ja etwas rauspicken. Allerdings würde ich sie mal modernisieren, das heißt Alherrenlitartur rausschmeißen und vernünftige Bücher reinnehmen. Vielleicht muss man an diese Liste aber mal ganz ernsthaft radikal und kritisch rangehen und modernisieren.

Planet der Affen

Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, war ich noch ziemlich jung und sehr begeistert. Er lief bei uns in einem kleinen Kino zur Nachmittagsvorstellung.

Die Folgefilme habe ich nicht gesehen, nur den zweiten Teil angefangen, die Geschichte war für mich beendet. Das Remake fand ich überflüssig, erst die Pre-Sequels fand ich sehenswert.

Jetzt habe ich das Hörbuch des Originalromans von Pierre Boulle aus dem Jahr 1963 angehört. Die erste Verfilmung lässt leider viel weg, erst das erste Pre-Sequel greift Elemente des Romans wieder auf und schließt wichtige Lücken.

In dem Roman steckt immer noch viel Nachdenkenswertes und Humor.

Das Hörbuch wird von Detlef Bierstedt gelesen und dauert nur fünf Stunden, beides ist sehr angenehm.

Bildschirm­müde

Ich habe es ja schon angedeutet: Bücher lesen macht für mich mehr und mehr einen Unterschied im Vergleich zum Lesen an einem Bildschirm. Und obwohl die Qualität der Oberfläche und des Textes sowohl bei einem iPad als auch bei einem Kindle (Paperwhite) sehr gut ist, lese ich mit einem Buch anders.

Bin ich erst einmal vertieft, ist es mir egal, womit ich lese, aber im Alltag, wenn ich erschöpft und unkonzentriert bin, brauche ich eine gewisse Zeit, bis ich in einen Text reinkomme, vor allem, wenn er meine volle Aufmerksamkeit braucht.

Ich lese viel am Bildschirm, meist kurze Texte, manchmal lange. Ich habe auch ganze Kapitel auf dem iPhone gelesen, bei Sach- oder Fachbüchern geht das sehr gut. Aber je mehr ich in anspruchsvolle Literatur komme, desto mehr ist die Umgebung des Textes relevant, bis hin zum Raum, in dem ich mich befinde. Bücher sind Teil einer Umgebung, während Bildschirme für mich vollkommen losgelöst existieren. Einerseits sind sie in meinem Leben vollkommen integriert, aber es bleiben Fensterchen, die mit dem Umfeld nichts zu tun haben.

Ich bin gerade dabei, das Lesen wieder auf das Papier zu verlagern, ich habe so viele ungelesene, schöne Bücher.

Das alles kann sich auch wieder ändern und womöglich ist es nur eine temporäre Bildschirmmüdigkeit. Aber der Umgebung wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken, ist sicher keine schlechte Entwicklung.

Schermanns Augen

Im Urlaub habe ich mir Bücher gekauft. Eines wurde mir besonders ans Herz gelegt: Schermanns Augen. Ich nahm den Schinken in die Hand und runzelte etwas die Stirn als man mir den Inhalt beschrieb. Mir wurde versichert, dass das ein wirklich gutes Buch sei.

Ja, stimmt natürlich, es ist ein gutes Buch. Und es ist dick und schwer und riecht etwas unangenehm. Manche Pappen riechen so. Ich vermute, es ist irgendein Bindemittel.

Meistens lese ich Ebooks, aber in dieser Buchhandlung habe ich doch wieder Bücher schätzen gelernt und im Urlaub vor allem das Lesen von Büchern. Vielleicht entdecke ich ja gerade wieder meine Liebe zu Objekten, Dingen, Gegenständen. Mir war das in letzter Zeit nicht so wichtig.

Ich quäle mich etwas durch das Buch und ich werde mich weiterquälen, denn schließlich habe ich dafür Geld gezahlt und es liegt schwer und mahnend neben meinem Bett.

Ich kann das Buch nicht mal eben so leicht weglesen. Ein Roman, der in einem russischen Arbeitslager spielt und so prall gefüllt ist, kann man nicht mal eben so weglesen. Jeder Satz liegt einem schwer wie nasser Filz am Körper, die Verhöre sind so überzeugend geschrieben, dass man beim Lesen an Flucht denkt.

Ein Viertel habe ich durch und bis Ende des Jahres will ich es ganz gelesen haben.

Bücher

Ich habe seit langer Zeit mal wieder Bücher durchgelesen. Es liegt daran, dass sie nicht sehr dick waren und es sich um Sachbücher handelte. Das Buch über den Schlaf habe ich nicht weiter gelesen. So genau interessierte es ich dann doch nicht, ob Sportler nach sieben Stunden Schlaf fünf Zentimeter höher springen als nach vier Stunden. 

Hier die durchgelesenen Bücher in Kürze:

Der Krake, das Meer und die tiefen Ursprünge des Bewusstseins

von Peter Godfrey-Smith

Ich habe sehr viel gelernt, über Kraken, die Evolution des Denkens und über das Altern. Es ist zudem sehr anregend, sich in die Beschaffenheit der Kraken hineinzudenken. Seit Lems Solaris wurde ich nicht mehr derart herausgefordert. Es ist für mich absolut nachvollziehbar, weshalb Menschen versuchen, mit Kraken zu kommunizieren und sie erforschen wollen. Großartige Begegnung der dritten Art. Nichts ist für mich anregender als das Befremden des Bekannten in ästhetisch ansprechender Form.

Nähe

von Giovanni Frazzetto

Das Buch ist in mehreren Geschichten unterteilt, in denen Menschen unterschiedliche Arten von Liebesbeziehungen eingehen. Die Art der Beziehungen wird aus psychologischer und neurobiologischer Sicht erklärt. Die Herangehensweise ist außergewöhnlich und könnte unterhaltsam sein, wenn die Geschichten funktionieren würden. Tun sie bei mir aber nicht, weil sie furchtbar klischeehaft wirken. Würde ich sowas als Film sehen, würde ich sofort wegzappen oder mir aufgrund der Beschreibung gar nicht erst ansehen. Das Charakteristische der Beziehungen zu beschreiben, hätte mir vollkommen gereicht. Es geht in dem Buch zwar auch um Nähe, aber doch aus der Perspektive von Beziehungen. Frazzetto tänzelt um das Thema herum und wirkt so als wolle er sich dem eigentlichen Phänomen nicht nähern. Sobald er sich einem Phänomen nähert, schwenkt er kurz und knapp zur Wissenschaft, die dem eigentlichen Phänomen nicht so richtig auf die Spur kommt. Pflückt man das Buch wieder auseinander, bleiben Geschichten, die überhaupt nicht mein Stil waren und wissenschaftliche Aussagen, die ich dünn fand und überhaupt nicht neu oder überraschend. Die Technik der Kombination funktioniert für mich nicht. Das ist schade, denn die Gedankengänge sind sehr gut. Das Buch hätte mir im Stil von School of Life sehr gut gefallen.

Das entfesselte Jahrzehnt

von Jens Balzer

Ich habe die 70er als Kind erlebt, die 80er als Jugendlicher. Ich weiß wenig über die Zeit, habe sie aber als Erlebnis präsent. Ich habe durch über das Buch viel Neues erfahren und kann die Verbindungen und Gedankengänge, die Balzer knüpft, sehr gut nachvollziehen. Ich habe die gleiche Begeisterung für Pop springe genau so gerne gedanklich in der Gegend herum und versuche daraus Zusammenhänge zu erkennen. Das Buch hat bei mir offene Türen eingerannt und sein Wissen hat meine Neugier mehr als befriedigt. Ich fand das Buch großartig, was an mir liegt. Und natürlich an ihm.