Nach dem Parfüm habe ich Edwin T. Morris Düfte – Eine Kulturgeschichte des Parfüms gelesen. Ich fand die Geschichte damals schon spannend und heute auch immer wieder. Es geht um viel mehr als nur um Geruch, es geht um Technik, Chemie (manche Chemiker kommen über ihre Arbeit zur Parfümerie) und Wissenschaft, Geschäft und Handel, Macht und Glaube, Körper und Sex, Krankheit und Ästhetik. Es ist genauso wie Musikgeschichte oder Tanz oder Malerei oder Literatur ein Teil unserer Kultur, den man über die ganze Welt verteilt und über Jahrtausende zurückverfolgen kann.

Jetzt habe ich Lust bekommen, zu destillieren.

Was man wahrscheinlich nicht weiß: 4711 konnte man bis Ende 1900 trinken. Louis Napolen erließ ein Gesetz, mit dem die Hersteller verpflichtet wurden, die Bestandteile von Heilmitteln auf die Flasche zu schreiben. Das trennte Parfüm (in Alkohol gelöste ätherische Öle) und Heilmittel, weil Parfümeure ihre Rezepte nicht preisgeben wollten. Gegen Ende des 1900 konnte man Alkohol denaturieren und verwendete diesen anstelle von Weingeist. So speziell wie wir heute Parfüm einsetzen war das über Jahrtausende nicht, es herrschte eine umfassende Duftkultur.

Gerade die enge Verbindung von Handel, Technik, Körperkultur und eben diese besondere Sinneswahrnehmung hat mich damals in Grasse so fasziniert. Das war eben nicht nur ein Tor zu meinen Gelüsten, sondern zu einer unfassbar ausgereiften Technolgie und Kultur, die vollkommen neben meiner Wahrnehmung existierte. Genau so ging es mir später mit dem Ballett und dem Tanz.