Mass Dancing

Am Samstag hat Hofesh Shechter über Zoom ein Mass Dancing veranstaltet. Ich habe drei Stunden zu dem fantastischen Set von DJ Golden Ratio getanzt. Es waren nur etwa dreißig anwesend, aber umso schöner war es, weil alle sich sehen konnten.

Das war schon großartig, weil so verschiedene Menschen weltweit teilgenommen haben und ich erleben durfte, weshalb ich überhaupt tanze, nämlich um dieses ganz besondere Zusammengehörigkeitsgefühl zu erleben, das ich nur beim Tanzen habe. Ein Tanzen, das einfach nur Spaß macht und zwar so richtig.

Unterricht hat er auch schon über Zoom gegeben, das war auch ziemlich toll.

Düfte

Nach dem Parfüm habe ich Edwin T. Morris Düfte – Eine Kulturgeschichte des Parfüms gelesen. Ich fand die Geschichte damals schon spannend und heute auch immer wieder. Es geht um viel mehr als nur um Geruch, es geht um Technik, Chemie (manche Chemiker kommen über ihre Arbeit zur Parfümerie) und Wissenschaft, Geschäft und Handel, Macht und Glaube, Körper und Sex, Krankheit und Ästhetik. Es ist genauso wie Musikgeschichte oder Tanz oder Malerei oder Literatur ein Teil unserer Kultur, den man über die ganze Welt verteilt und über Jahrtausende zurückverfolgen kann.

Jetzt habe ich Lust bekommen, zu destillieren.

Was man wahrscheinlich nicht weiß: 4711 konnte man bis Ende 1900 trinken. Louis Napolen erließ ein Gesetz, mit dem die Hersteller verpflichtet wurden, die Bestandteile von Heilmitteln auf die Flasche zu schreiben. Das trennte Parfüm (in Alkohol gelöste ätherische Öle) und Heilmittel, weil Parfümeure ihre Rezepte nicht preisgeben wollten. Gegen Ende des 1900 konnte man Alkohol denaturieren und verwendete diesen anstelle von Weingeist. So speziell wie wir heute Parfüm einsetzen war das über Jahrtausende nicht, es herrschte eine umfassende Duftkultur.

Gerade die enge Verbindung von Handel, Technik, Körperkultur und eben diese besondere Sinneswahrnehmung hat mich damals in Grasse so fasziniert. Das war eben nicht nur ein Tor zu meinen Gelüsten, sondern zu einer unfassbar ausgereiften Technolgie und Kultur, die vollkommen neben meiner Wahrnehmung existierte. Genau so ging es mir später mit dem Ballett und dem Tanz.

Künstler und Tänzer

Die erste Meldung kam von meiner Ballettschule über einen Aushang am letzten Mittwoch, sie schließt für eine Woche. Tags darauf kam die Meldung in unserer Whatsapp-Gruppe, dass sie für einen ganzen Monat schließt. Im Unterricht waren wir so wenige wie noch nie, wir arbeiteten weiter an unserer Choreografie, mit Partnering, das heißt vollem Körperkontakt.

Innerhalb von vier Tagen wurden die Maßnahmen aufgrund der steigenden Zahlen und der Aussicht auf die Verhinderung eines exponentiellen Wachstums verschärft. Sämtlicher Unterricht fällt bis Ende April aus, das heißt kein Unterricht, keine Workshops und keine Bezahlung für meine Lehrerinnen und meinen Lehrer und die Schulleiterinnen. Das heißt auch keine Aufführungen.

Für die Tänzerinnen und die Theater ist das existentiell. Für manche ist das Tanzen das Leben, nicht nur psychologisch, auch finanziell.

Wir wollten Ostern mit den Kindern meine Eltern besuchen, wir sehen sie nur einmal im Jahr, was sowieso viel zu selten ist. Der Besuch wurde gestern abgesagt, eine traurige, gemeinsame, vernünftige Entscheidung. Für meine Mutter wäre eine Infektion gefährlich.

Ich habe Karten für eine Aufführung zum Geburtstag geschenkt bekommen, wenn wir Glück haben, findet sie statt, ich habe mich darauf sehr gefreut. Die Aufführung findet garantiert nicht statt.

Ich hoffe, dass die Infektionszahlen innerhalb des nächsten Monats zurückgehen, ich hoffe es für alle, aber besonders muss ich an all die Tänzerinnen und Künstler und Theaterbesitzer denken, den gesamten Kulturbetrieb, eine Kultur, deren Bestandteil es ist, sich zu treffen, zu begegnen. Ich kenne viele Menschen, für die eine persönliche Begegnung sehr wichtig ist.

Update: Es wird mit Sicherheit noch lange Zeit Maßnahmen geben.

Rauchen und Tanz in Videos

Hamburg, Punk und eine Contemporary/Modern/Jazz-Tanzgruppe … das muss ich ja mögen. Naja, vielleicht werde ich alt. Nein, eigentlich nicht, als ich jung war fand ich Storm Troopers of Death auch eher nur amüsant.

Die Tanzgruppe kann ja richtig was, ich hätte aber anstelle von Improvisation eine Choreografie genommen.

Grenzen überschreiten ist etwas anderes, was den Text, die Musik und den Tanz angeht. Denn die Grenzen, die man damit überschreiten will, hat man hier nicht einmal annähernd erreicht.

Was ich ja sehr erstaunlich und überzeugend fand, habe ich in dem Shop von Shen Yun gefunden:

Did you know that dance, 舞, and martial arts, 武, are two sides of the same coin? In fact, they even share the same pronunciation in Chinese — „wu.“ While dance is more elaborate and fluid, martial arts are more impromptu and abrupt. Can you tell which character is for dance, and which is for martial arts?

Wie nah Tanz und Kampfsport beieinander liegen, sieht man hier.

Eine zeitgenössische Choreografie braucht Kraft, Flüssigkeit, Ausdruck und Form. Und gerade Punk braucht Präzision und muss Dinge auf den Punkt bringen.

Der Tanz im Video, würde ich sagen, braucht Form, Kraft und mehr Ausdruck.

Man hat die Entscheidung, wie Musik und Tanz im Video zusammenkommen, ob man ihn kontrastieren oder eigenständig, eher zufällig passend einbaut, oder ob man ihn klassisch choreografiert.

Tanz als ästhetischer Kontrapunkt

Tanz als Choreografie

Es geht nicht darum, ob ich es persönlich besser tanzen oder choreografieren würde, sondern darum, dass ich es auf eine Weise anders gemacht hätte, so dass ich es besser gefunden hätte. Das ist nicht nur eine Geschmacksfrage, da ist einfach ganz viel ungenutztes Potential in der der Tanzdarstellung.

Manfred

Den Namen Thierry Mugler habe ich mich selten getraut auszusprechen, weil ich mir nie sicher war, ihn richtig auszusprechen und ob ich ihn deutsch oder französisch oder englisch aussprechen soll. Das war vor dem Internet. Jetzt habe ich kurz nachgesehen und gelesen, dass er Balletttänzer war, die Elten aus Österreich kommen und er mit erstem Namen Manfred heißt, ein paar Gesichtsoperationen hinter sich hat, er seine Muskeln trainiert hat und jetzt aussieht, wie ein Boxer und er sich mit beiden Vornamen nennt: Manfred Thierry Mugler. Hier ein lesenswertes Gespräch mit Tippi Hedren.

Letztes Jahr hat er für Wayne McGregor die Kostüme für die Tänzer designed (auf dem Foto in der Mitte Edward Watson), das Stück heißt McGregor + Mugler und muss wohl ganz toll gewesen sein. Das Foto ist von Michael Asman.

Shumpei Nemoto

Gestern waren wir bei Shumpei Nemoto. Sein Stück heißt Sono Solo. Es ist sowohl ein Tanzstück als auch ein Kunstprozess. Er befestigt Mikrofone an den Ellenbogen und Fersen, deren Signale er an einen Computer schickt, dort steuert und dann über acht selbstgebastelte Lautsprecher im Kreis anordnet. Er improvisiert dazu seinen Tanz und nimmt die akustischen Signale auf, um dazu zu improvisieren.

Seine Inspirationsquelle ist John Cage und seine Arbeiten bestehen aus Loops, Zufällen und Entwicklungsprozessen.

1999 hat er einen Prix de Lausagne gewonnen und war am Royal Ballet, an der Deutschen Oper Am Rhein und am Cullberg Ballet. Seit 2013 arbeitet er als freier Tänzer, Choreograf, macht Videoarbeiten und bastelt und experimentiert, was ich extrem sympatisch finde.

Am Ende der Vorstellung gab es ein Gespräch, auf die Frage, ob er Ballett jetzt komplett hinter sich gelassen hat und jetzt etwas vollkommen anderes macht, demonstrierte er, dass das alles Tanz ist und der Körper nur sein Instrument ist. Ein Klavier, sagt er, ordnet man auch nicht entweder der klassischen Musik zu oder der elektronischen.

Er sagte, man würde viel zu sehr auf Unterschiede achten und oft von etwas sagen, dass es neu und anders und schwierig sei, anstatt auf die Gemeinsamkeiten zu achten und zu sehen, was man kann und schon kann und darauf einfach aufzubauen.

Mich hat er beeindruckt.

Update: Er hat eine Aufzeichnung von der Vorführung hochgeladen.