Gesellschaft

Wenn man im Internet schreibt, streift man ja fast automatisch das Thema „Gesellschaft“.

  • Speed Media

    Weshalb heißen Social Media eigentlich Social Media? Medien sind immer ein Austausch mit anderen. Jedes Medium, das ich zugänglich mache, ist sozial oder hat eine soziale Funktion oder wie immer man das ausdrücken möchte.

    Social Media ist vor allem eines: schnell, kompakt und hat einen großen Interaktionsgrad. Die Arbeit dahinter sieht man nicht, was der Mensch sonst noch so ist, auch nicht. Ich denke, dass die Identität sich durch Medien und Kommunikation ändert und durch Social Media speziell.

    Social Media kann für mich unterhaltsam und informativ sein. Früher hat das Fernsehen für mich diese Funktion erfüllt. Die Frage, die sich mir immer stellt ist: Was soll ich dort? Wer oder was bin ich dort? Wer bin ich dort und mit wem?

    Ich stelle mir diese Frage auch, wenn ich ins Kino, ins Konzert oder ins Museum gehe. Immer treffe ich auf Menschen und bin Teil einer Gruppe.

    Will ich also geringe Interaktion, mehr Zeit und Geduld und längere Aufmerksamkeit, dann muss ich das Medium wechseln. Dann ist Social Media nicht mehr richtig für mich.

    Es stimmt nicht, dass Social Media sozial ist, es ist nur schnell, dynamisch und stark vernetzt. Vielleicht muss man das „Social“ ganz bewusst entkoppeln und aus seinen Gedanken wischen.

  • Nicht alle Menschen

    Das Wort „alle“ macht in Bezug auf Menschen selten Sinn und ist vor allem oft nicht wahr. Menschen sind eher wie Schneeflocken, und wenn nur einer nicht zu allen gehört, sind es nicht alle. „Alle“ in Bezug auf Menschen ist meistens reine Rhetorik, so wie „immer“. Nicht alle Menschen machen immer das Gleiche.

    Mir macht es weniger Sorge, welchen Einfluss Digitalisierung auf uns hat, mir macht mehr Sorge, was es mit unserem Menschenbild in Verbindung mit Berechnung, Berechenbarkeit, Erwartung macht. Digitalisierung verändert unsere Vorstellung und wird Teil unserer Fantasien, Wünsche und Erwartungen.

    Ich rechne mit dem, was ich vor mir habe und hüte mich vor einer Mathematik, die ich ohne Einschränkung auf Menschen anwende. KI verrechnet nur, was ins Internet geschoben wurde, das ist verdammt viel, aber eben nicht alles.

    Alle Menschen haben ein Gehirn, das Verbindungen herstellt, scheinbar Unmögliches möglich macht. Manche setzen das in die Realität um und handeln danach. In diesem Größenwahn liegt Gefahr.

    Früher fand ich Zen attraktiv, heute versuche ich einfach bloß, den Ball flach zu halten, mich bewusst zu beschränken.

    Bei der Frage „Warum tanzen Menschen?“ ist mir dieser Zusammenhang von Mensch, Zeit und Menge zum ersten Mal aufgefallen. Alle Menschen tanzen, immer und überall. Ich aber gerade nicht. Manche haben nie und wollen es auch nicht. Alle Menschen kommunizieren, aber ich kann bewusst schweigen.

  • Für’s Foto

    Samstag habe ich in Heidelberg an der Demo teilgenommen, weil ich wollte, dass die Fotos mit den Menschenmassen auch außerhalb Deutschlands wahrgenommen werden, damit die Leute nicht denken, das konspirative Treffen hätte in Deutschland allgemeine Unterstützung.

    Die Stimmungen und Diskussionen zwischen den Wahlen sind dynamisch und vielfältig. Durch Wahlen wird bestimmt, wer wo diskutieren darf. Medien können selbst entscheiden, wem sie das Mikro vor die Nase halten oder sogar wessen Aussagen sie veröffentlichen. Ich habe also wenig Möglichkeiten. Menschen beeinflussen brauche ich nicht, die sind alle groß und klug um mich herum, die anderen erreiche ich sowieso nicht. Ich rede viel mit Freunden und Bekannten über diese gesellschaftlichen Themen, das ist halt meine Blase, und Blasengespräche bleiben es auch. Soweit ich das sehen konnte, waren um mich herum vor allem ältere Leute dabei oder junge Familien.

    Die Zahlen der Teilnehmer überstiegen meine Erwartungen bei weitem.

  • Jens Balzer – No Limit

    Auf die 90er blicke ich mit gemischten Gefühlen zurück. Ich habe Freunde, die ein bisschen jünger sind, und ein ganz anderes Gefühl aus dieser Zeit mitbringen und heute noch davon zehren. Im Alter von achtzehn Jahren herum ist die mediale Umgebung sehr prägend. Ich habe 80er-Freunde, 90er- und Nuller-Freunde.

    In den 90ern habe ich studiert und war damit beschäftigt, finanziell über die Runden zu kommen, irgend einen vernünftig Ausblick auf mein zukünftiges Leben zu haben und nebenbei das Leben zu genießen. Manches habe ich mitgenommen, aber vieles lief an mir vorbei bzw. passierte einfach woanders. So blieb bei mir immer ein Gefühl von Fremdheit zurück. Ich glaube, ich hätte es anders erlebt, wenn ich in Hamburg geblieben oder nach Berlin gezogen wäre, aber ich bin nach Heidelberg gezogen. Ich lebe hier seit dreißig Jahren, habe hier Freunde, alte und neue, und Familie. Mein persönliches Umfeld ist ein privates Umfeld, und in den 90ern fing die mediale Vernetzung gerade erst an. Die Technik war Thema, weniger der Inhalt. Wir zockten Doom, schrieben unsere Arbeiten mit Word auf DOS und es gab vereinzelt die ersten Apple-Fans. Der Krieg in Jugoslawien hat unseren grundsätzlichen Pazifismus in Frage gestellt. Man war froh, wenn Republikaner, Kühnen und Brandanschläge nur ein Thema in den Nachrichten blieben, was nur eine Art von Verdrängung war.

    Wie gesagt, kann ich schwer sagen, wie es mir in den 90ern ging. Die Ereignisse haben ja nicht mein Leben plötzlich umgekrempelt, sondern schleichend verändert.

    Genau an dem Punkt hat mir Jens Balzers No Limit sehr präzise und reich an Informationen gezeigt, welche Art Prozessen das waren. Mit seinem Buch blicke ich nicht zurück auf mein Leben, sondern zurück auf die Ereignisse, die ich nur am Rande mitbekam.

    Ich bin ein neugieriger und aufgeschlossener Mensch, aber auch meine Aufnahmefähigkeit und meine Energie sind begrenzt, und in den 90ern ging mir vieles einfach zu schnell. Ich brauche Verarbeitungszeit.

    1993 hat Moby den Track Thousand veröffentlicht, der ins Guiness-Buch der Rekorde als Single mit den schnellsten BPM gelistet wurde: 1.015 BPM.

    Danke, Jens Balzer, dass ich das alles endlich mal nachlesen kann, was in der Zeit eigentlich passiert ist. Das Buch kommt gerade zur rechten Zeit, um rückblickend auf die letzten dreißig Jahre zu schauen. Es ist sehr erhellend.

    Ich glaube, ich liege nicht ganz verkehrt, wenn ich, wie hier schon beschrieben, das Gefühl habe, dass Computer und Politik in den 90ern zunehmend die Prozesse bestimmt haben, und es in der Musik-Kultur einen gewissen Höhepunkt am Anfang gab, aber dann zunehmend unwichtiger wurde. Dort passierte nichts wesentlich Neues, weder musikalisch noch inhaltlich. Man hatte ja auch genug damit zu tun, mit Cubase-Plugins herumzuspielen. Musik wurde zunehmend ein Rückzugsort, Clubmusik verlagerte sich in die Wohnzimmer, Easy Listening und Fahrstuhlmusik waren kein Schimpfwort mehr, 2001 hieß es: Quiet Is the New Loud.

    Ich habe schon Das entfesselte Jahrzehnt mit Begeisterung gelesen. Irgendwann lese ich noch sein Buch über die 80er.

  • Kein männliches Vorbild schlägt Frauen

    Warum finden einige Männer es in Ordnung, ihre Partnerin zu schlagen?

    Das lässt sich wohl kaum mit gesellschaftlichen Ansprüchen, Männerbildern oder Vorbildern erklären. (Und natürlich liegt da auch griffbereit der Begriff „toxisch“ in der Schublade).

    Es mag anekdotisch anmuten, aber wir sind mit der Regel aufgewachsen, dass man Frauen nicht schlägt und haben gleichzeitig Bud Spencer-Filme geguckt und 2LiveCrew gehört und DOOM gezockt.

    Soldaten. Soldaten lieben ihre Frauen und ziehen in Tränen aufgelöst in den Krieg.

    Ich kennen keinen Mann, der sich blöd und blind an sogenannten gesellschaftlichen Vorbildern orientiert. Und welche Vorbilder sollen das gewesen sein? Bill Gates? Al Pacino? Cary Grant? Batman? Alles ziemlich nette Typen, jedenfalls keine dramatischen Bösewichte. Ich weiß nicht, wie sie ihren Haushalt führen und wer da was macht.

    Ich mache die Küche mittlerweile komplett selbst, weil ich weiß, dass dann alles sauber und ordentlich ist. Eigentlich müsste ich manche Aufgaben meinen Töchtern zuteilen. Ich bin zu bequem. Ich glaube nicht, dass sie später in ihrer Beziehung der Meinung sind, Männer seien für die Sauberkeit der Küche verantwortlich, weil ich Ihnen das vorgelebt habe.

    Nein, die Erklärung ist vermutlich eine ganz andere. Kein Junge ist so dumm und einfältig, dass er Informationen aus seiner Umwelt wie ein Schwamm aufsaugt.

    Vielleicht liege ich falsch, vielleicht sind meine Daten (persönliche Erfahrungen aus 56 Jahren Leben) zu alt und zu viel hat sich geändert (Mikroplastik, Außentemperatur, Zuckergehalt in Nahrungsmitteln). Vielleicht bin ich einfach nicht mehr up-to-date.

    Ich habe noch Klaus Theweleits Männerphantasien ungelesen liegen. Ich kann leider nicht so viel lesen, Hinterher bin ich vielleicht schlauer? Aber ob es wirklich das Verhalten und Denken heutiger junger Männer erklärt?! Doch wohl eher das unserer Väter. Ich kennen keinen Mann in meinem Alter, der nicht kritisch über seinen Vater denkt. Und das ist noch vorsichtig und harmlos formuliert.

    Ich glaube, dass es vielmehr der Umgang miteinander ist, die Art, wie man sich uns gegenüber verhält und redet. An unseren Beziehungen entwickeln wir uns, in einem dynamischen Prozess – Face to Face, unter vier Augen, direkt und unmittelbar.

  • Meinten Sie etwa …?

    Das ist schon ein bisschen lustig. Ich suche speziell nach einer ganz bestimmten Ärztin und dachte, so finde ich sie schneller, weil ich die ganzen Männer rausfilter. Wenn ich nach „tierarzt wieblingen“ suche, moniert Google nichts.

    Als Filterfunktion finde ich die Kategorie Frau/Mann schon ganz nützlich. Aber, wie gesagt, zur Not kann ich drauf verzichten.

  • Die Frau vom Bürgermeister

    Nur so ein Gedanke.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass die angehängten weiblichen Endungen im Deutschen nett gemeint waren, geschweige denn emanzipatorisch. Hat die weibliche Endung eine emanzipatorische Bedeutung bekommen, weil man sie positiv werten wollte, also ins Gegenteil verkehren? Die Bürgermeisterin war dann nicht mehr die Frau vom Bürgermeister, sondern der Bürgermeister selbst? Eine positiv gewendete Movierung, also?

    Ich denke, dass die Nennung des Geschlechts in der Sprache zur Abgrenzung gegenüber dem Maskulinen und gewissen Lebensbereichen (Wissenschaft, Politik) benutzt wurde. Aber das ist nur eine Vermutung. Die weibliche Endung untermauerte das Patriarchat. In der Emanzipation wurde es positiv umgedeutet, das war gewollt und beabsichtig. Hätte man an der Stelle nicht auch einen anderen Weg einschlagen können und drauf verzichten?

    Ich frage mich, ob es nicht schlauer gewesen wäre, sich von der ursprünglich (vermutlich!) eher negativ konnotierten Form des Weiblichen zu trennen und die männlich gedeutete vom Geschlecht zu entbinden. Also: Der Bürgermeister ist eine Frau. Der Satz wäre vor hundert Jahren eine Sensation gewesen. Heute würde man bei dem Satz genau das denken, was eigentlich alle wollen: Wen interessiert das Geschlecht?

    Vor vierhundert Jahren mag man überrascht ausgerufen haben: „Stehen Frau Wirtin jetzt daselbst hinter der Theke und zapft mir das Bier (dröhnendes Gelächter), seit wann steht Mannsweib hinter der Theke?! (dröhnendes Gelächter, Fäuste, die auf den Tisch klopfen).“ Die Frau, nein, keine zwei Meter große, kräftige Frau, sondern eine kleine, schmächtige Frau mit blonden Locken, geht nicht zum Tisch und stellt sich bedrohlich und ebenbürtig vor den bärtigen Grobian, sie spuckt auch nicht listig in sein Bier, sondern flüstert nur leise in sich hinein: „Lieber Gott, womit habe ich das verdient?! Wird die Welt jemals anders sein?“

    Die Welt ist eine andere geworden und Frau Wirtinnen sind nicht mehr die Frau vom Wirt, sondern führen selbst die Gaststätte. Mir kommt dabei einfach nur der Gedanken: Hätte man nicht im Laufe der Zeit (also die letzten hundert Jahre) das ursprünglich – das vermute ich – diskriminierend gemeinte -in nicht ablegen können?

    Kein Mensch interessiert sich für das Geschlecht, wenn er einen Klempner ruft.

    Kurz noch nachträglich angemerkt: das Die und Der werden sowieso als willkürlich angesehen und haben für eine geschlechtliche Vorstellung kaum Bedeutung, da braucht man nur mal jemanden fragen, der Deutsch lernt (Die Bohrmaschine).

    Nebenbei bemerkt: Kinder haben ihre Geschlechtsneutralität bewahrt. Quereinsteiger auch.

    Um das Ganze mal als Gedankenexperiment zu veranschaulichen – und möglicherweise wird meine Idee dadurch vorstellbar – zitiere ich aus dem Wikipedia-Eintrag zu „Geschlechtergerechte Sprache“ Luise F. Pusch:

    Luise F. Pusch, Pionierin der geschlechtergerechten Sprache, verdeutlichte diese unsymmetrischen „Geschlechts-Schubladen“:

    „Männer werden immer richtig eingeordnet, Frauen fast nie, denn in unserer Sprache gilt die Regel: 99 Sängerinnen und 1 Sänger sind zusammen 100 Sänger … Futsch sind die 99 Frauen, nicht mehr auffindbar, verschwunden in der Männer-Schublade. Die Metapher bewirkt, dass in unseren Köpfen nur Manns-Bilder auftauchen, wenn von Arbeitern, Studenten, Ärzten, Dichtern oder Rentnern die Rede ist, auch wenn jene Ärzte oder Rentner in Wirklichkeit überwiegend Ärztinnen bzw. Rentnerinnen waren.“

    Der letzte Satz ist wichtig, denn dieses Bild, diese Vorstellung hätte möglicherweise einen Wandel erfahren. Die Vorstellung wäre möglicherweise vielfältiger als man denkt. Jedenfalls dreht „Sänger*innen“ die Vorstellung einfach um, man stellt sich nur Frauen vor (wenn ich die Quelle finde, poste ich sie hier). Kann man machen, aber dann muss man auch mit Verbrecher*innen und Mörder*innen konsequent leben. Der Satz: „Die meisten Verbrecher*innen sind Männer“ ist aber auch ein bisschen komisch.

    Jedenfalls ist das Zitat von Pusch erst einmal eine Behauptung, und möglichweise würde sich diese Behauptung heute nicht mehr als richtig erweisen. Viele Wörter haben einen Bedeutungswandel erfahren, so vielleicht auch Lehrer, Arzt und Sänger.

    Wie gesagt, es ist nur ein Gedankenexperiment, das eigentlich hinfällig ist, weil wir das Rad der Zeit nicht zurückdrehen können. Wir müssen jetzt damit leben, in der Sprache nicht allen immer konsequent gerecht zu werden.

    Hat man eigentlich schon das Auslassungszeichen in Betracht gezogen? So wie bei Rock’n’Roll? Also: Ärzt’innen? Das ist doch eigentlich das Zeichen der Wahl?!

    Update: Jemand hat mir dieses Video geschickt. Das bestätigt, was ich mir dachte.

  • Spaltung

    Übersetzt heißt „Spaltung der Gesellschaft“: Ich sehe nur Schwarz und Weiß.