Category: Alltag

Alltag, Liebe, Musik

Hamburg

Meine Kindheit und Jugend habe ich in Hamburg verbracht. Wir wohnten in einer Siedlung, in der es heute ein Kindermuseum gibt. Ich zog nach Heidelberg als ich Anfang zwanzig war.

Ich habe mich letztes Wochenende mit drei meiner alten Schulfreunde getroffen. Wir waren eine feste Gruppe, die sich nach der Schule selten gemeinsam traf. Sie besuchten mich einmal in Heidelberg. Das letzte gemeinsame Treffen war vor siebzehn Jahren. Wir werden uns jedes Jahr einmal treffen, in unserer alten Siedlung. Mit kaltem Holsten.

Es beschäftigt mich schon länger, dass ich mein Leben etwas mehr mit Musik und Tanz verbinden würde und sich langsam mal etwas mehr ein Heimatgefühl einstellt. Mit der Heimat ist es wie mit der Liebe: man muss selbst etwas dafür tun. Alternativ wird man zum einsamen Wanderer. Auch eine Option. Aber irgendwo dazwischen will ich mich bewegen.

Wir hatten gemeinsam das Thema und konnten nur ein Lied und das noch nicht mal zur Hälfte: Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn. Wir sangen es gemeinsam, vollkommen ohne Ironie. In dem Moment war mein Entschluss klar: Ich werde Shanties lernen. Ich habe mir bereits zwei Bücher besorgt: Windjammer-Lieder von Stan Hugill und Shanties von Gilbert Obermair. Den ersten Versuch habe ich gestartet.

Leave her, Johnny, leave her wurde am Ende der Reise gesungen. Die Seeleute haben all das gesagt und gesungen, was man auf der Reise nicht sagen durfte.

Oh, the time wuz hard an the wages low,
leave her, Johnny, leave her!
but now once more ashore we’ll go,
an’ it’s time for us to leave her!

Leave her, Johnny, leave her!
Oh, leave her, Johnny leave her!
For the voy’ge is done, an’ the winds don’t blow
an it’s time for us to leaver her!

Oh, I thought I heard
the Ol’ Man say,
tomorrow ye will ge your pay.

The work wuz hard
an’ the voyage was long,
the sea wuz high an’ the gales wuz strong.

The wind wuz foul an’ the sea ran high,
she shipped it green an’ none went by.

The grub wuz bad an’ the wages low,
but now once more ashore we’ll go.

Oh, our Ol’ Man he don’t set no sail,
we’d be better off in a nice clean jail.

We’d be better off in a nice clean jail,
with all night in an’ plenty of ale.

She’s poverty-stricken an’ parish-rigged,
the bloomin’ crowd is fever-stricked.

Oh, sing that we boys will never be,
in a hungry bitch the likes of she.

The mate wuz a bucko an’ the Ol’ Man a Turk,
the bosum wuz a beggar with the middle name of work.

The Ol’ Man swears an’ the mate swears too,
the crew all swear, an’ so would you.

It’s growl yer may, an’ go yer must,
it matters not whether yer last or fust.

The ship won’t steer, nor stay, nor wear,
and so us shellbacks learnt to swear.

The winds were foul, all work, no play,
to Liverpool docks from ’Frisco Bay.

We were made to pump all night an’ day,
an’ we half-dead had beggar-all to say.

We’ll leave her tight an’ we’ll leave her trim,
an’ we’ll heave the hungry bastard in.

Oh, leave her, Johnny, an’ we’ll work no more,
of pump or drown we’ve had full store.

The sails are furled an’ our work is done,
an’ now ashore we’ll have our bit of fun.

We’ll make her fast and stow our gear,
the gals are awaiting on the pier.

Ich werde bei unserem nächsten Musikabend diesen Shanty mit denen singen. Als zweiten Song suche ich mir einen irischen Pub-Song. Bei meiner Recherche stieß ich dabei auf Sean nós, was so viel heißt wie „alter Stil“, gemeint sind damit ein perkussiver Tanz, der mit Ledersohlenschuhen getanzt wird und ein Gesangsstil. Dem Gesangsstil werde ich mich nicht widmen, aber dem irischen Tanz.

Wenn ich es schaffe, melde ich mich beim Hochschulsport für einen Kurs Irish Dance an. Sean nós wird hier in der Nähe leider nicht unterrichtet, der nächste Workshop ist in Wiesbaden, das ist mir ein Tick zu weit.

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Alltag

Katerchen

Nachdem wir letztes Jahr unseren Kater einschläfern lassen mussten, hinterließ er bei den Kindern eine große Lücke. „Ich will keine neue Katze“ war meine Standardantwort, mit der ich jede Diskussion im Keim erstickte. Das Kind scrollte sich stundenlang durch die Kleinanzeigen und bei jedem zweiten Foto rief sie:
„Oh, guck mal, wie süß!“
Ich kenne Katzen und Katzenbilder, das Internet ist voll davon, deshalb ging ich nicht hin, um mir die Katzen anzusehen. Bis ich es dann doch mal tat und
„Oh, Gott, ist die süß!“
rief. Ich nahm ihr Handy, scrollte die Kleinanzeigen durch und rief bei jedem dritten Foto:
„Oh, guck mal, wie süß!“

Die Familie suchte eine Katzenzüchterin, die gerade einen Wurf hatte (Britisch Kurzhaar-Mischlinge), und wir besuchten sie, um uns die Katzen anzusehen. Zwei waren noch zu haben. Die frisch geworfenen Katzen, die wie kleine quirlige Kletten an unseren T-Shirts hingen, waren zwei Brüder, und es war natürlich unmöglich, sie auseinander zu reißen. Es war unverhandelbar, dass wir beide nehmen. Ich bin nicht inkonsequent, ich bin nur ziemlich entschieden in meinen sehr unterschiedlichen Absichten.

Im Sommer letzten Jahres holten wir sie zu uns und richteten ihnen das Erdgeschoss als Gehege ein. Sie waren nur schwer davon abzuhalten nach draußen zu rennen. „Curiosity killed the cat“ dachte ich ständig bei den beiden. Im Frühjahr ließen wir sie kastrieren und endlich nach draußen. Abends holten wir sie rein, indem wir sie mit ihrem Abendessen lockten. Bei dem einen funktionierte das nicht immer. Er blieb auch als erster über Nacht alleine draußen. Er war ein neugieriger Streuner, der nicht zu halten war.

Er war auch derjenige, der als erster Mäuse und Vögel in die Wohnung brachte, während sich sein Bruder mit Insekten begnügte. Eine Schwalbe musste ich mit einem Schlag mit dem Kehrblech von ihrem Leid befreien. Die Schwalbe wollte ich dem Kind zuliebe begraben und deponierte sie unter der Hecke für später. Als ich nach Hause kam und die Schwalbe ins Loch legen wollte, war der Vogel weg. Die Katze hatte den ganzen Tag über mit dem toten Vogel gespielt, im Haus und draußen. Ein anderes Mal trug ich den Kater mit Maus im Maul nach draußen. Ich ersparte mir psychologische Lobeshymnen oder pädagogische Unterweisungen.

Letzte Woche kam er wieder zwei Nächte nicht nach Hause. Drei. Vier. „Wenn Katzen nach drei Tagen nicht nach Hause kommen, sind sie tot“ lautete eine Faustregel, die ich noch von früher kannte. Natürlich kann er ein neues Zuhause gefunden haben oder irgendwo eingesperrt sein. Möglich, aber ziemlich unwahrscheinlich. Das war keine Katze, die sich einfach irgendwo gemütlich einnistet, der hat einen Bruder, mit dem er zusammen lebt, und immer auf Achse ist.

Wir bekamen den Tipp, auf Facebook auf der Gemeindeseite einen Post zu veröffentlichen, wollten schon Zettel aufhängen und draußen suchen. Ehrlich gesagt, hielt ich das für hoffnungslos. Ich rief die öffentliche Seite der Gemeinde auf und sah sofort den Post mit dem Hinweis, dass eine überfahrene Katze gefunden wurde. Eine Foto bestätigte, dass es unser Kater war, er wurde an der Hauptstraße überfahren, eine Stelle am Bauch wurde auf dem Foto schwarz übermalt. Ich hatte vergessen, die gechipten Katzen zu registrieren, was ich gleich nachgeholt habe. Die Katze wurde auf einen Bauhof gebracht und nach einigen Telefonaten fuhr ich heute morgen mit dem Rad hin, um sie zu holen. Unser Auto ist immer noch kaputt. Die Mitarbeiter im Rathaus und auf dem Bauhof waren sehr nett und voller Verständnis und Mitgefühl. Die Katzen werden in einer Tiefkühltruhe aufbewahrt. Ich hätte nie gedacht, dass man sich so viel Mühe macht für überfahrene Katzen. Als ich mit der hartgefrorenen Katze im Fahrradkorb das Rad nach Hause schob, kam ich mir vor wie in einem John Irving-Roman.

Sein Bruder auf seinem Grab

Meine Trauer und mein Wille zu trauern war verhältnismäßig gering, weil das Beerdigen doch ein sehr profaner und auch nicht gerade angenehmer Vorgang ist. Ich habe den Kater heute Morgen vor der Arbeit ins Grab gelegt, konnte ihn aber nicht auspacken. Bereits am Freitag rechnete ich damit, dass man ihn auf dem Bauhof längst entsorgt hatte und insgeheim wäre es mir sogar ein bisschen lieb gewesen. Ich bin auch nur ein sensibler Stadtmensch und auch wenn ich David Cronenberg-Filme mag, heißt das nicht, dass ich erpicht auf die Aktion wäre. Klar ist mir so eine Verabschiedung und Bestattung auch lieb, aber es ist auch eine ziemlich unschöne Angelegenheit.

Ein Grund, weshalb ich ihn noch mal sehen und freilegen will, ist der, dass ihn sein Bruder noch mal tot riechen und sehen kann. Denn auch Katzen, so denke ich, können unterscheiden, ob eine Katze, zu der sie eine Bindung haben, vermisst ist oder tot.

Heute Nachmittag haben wir ihn dann gemeinsam ins Grab gelegt, so schlimm sah er gar nicht aus.

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Alltag

Die Sonntage vor dreißig Jahren

Am Samstag war ich zu einem fünfzigsten Geburtstag eingeladen. Es war eine Nachfeier mit zwei Jahren Verzögerung, ich nehme an wegen Corona. Die Freundin feierte in einem Häuschen ihrer Eltern am See. Als wir noch zusammen studierten, hatten wir dort Sommerfeste, Nikolausfeste und später eine Hochzeit gefeiert. Es war ein kleiner, aber fester Freundeskreis. Wir waren zusammen auf Exkursionen, haben Ausflüge gemacht, gingen in Ausstellungen und verbrachten Freizeit und Studium miteinander. Andere Freundinnen und Freunde kamen hinzu und gingen wieder. Der Kreis war lose, aber im Kern beständig.

Wir wohnten alle in Fahrradnähe und trafen uns regelmäßig, um die Sonntage miteinander zu verbringen. Die Frühstücke wurden zu Gelagen, die oft in Spieleabende übergingen. Eine Zeit lang gingen wir tanzen. Es gab einen Club, der Sonntags von 19:00 Uhr bis 22:00 Uhr geöffnet hatte – eine optimale Zeit.

Als wir alle unserer Wege gingen, verheiratet, in Partnerschaft, mit Kindern, später teilweise in Trennung, löste sich die Gruppe etwas auf. Manche Freundschaften hielten sich, ich löste mich jedoch – mehr oder weniger – absichtlich. Wir waren fast zu gut befreundet und ich wollte andere Kontakte knüpfen. Die Freundschaft zum Freund von mir behielt ich bei, die zu den Freundinnen löste ich.

Ich erhielt die Einladung kurzfristig und wahrscheinlich nachträglich. Niemand hat mit meinem Kommen gerechnet und wenn unser Sänger nicht Corona bekommen hätte, wäre der Abend schon fest für ein Online-Konzert verplant gewesen. Ausgerechnet an dem Tag sprang auch unser Auto, trotz Starthilfe, nicht an. Ich setzte mich auf das Rad, fuhr ein Irrer zum Bahnhof, stieg dort in den Bus und lief noch mal eine halbe Stunde zum See. Nachdem ich erfahren hatte, dass alle alten Freunde kamen, musst ich dort hin.

Es war ein herzliches und freudiges Wiedersehen, weil wir so gerne an die Zeit zurückdachten. Ich habe mich lange mit einer Freundin unterhalten und im Großen und Ganzen ging es nur darum, den Hunger nach der Art Freundschaft zu stillen, die wir mal hatten. Wir wissen ja, was es ist, und können jetzt genauer danach leben und wieder danach Ausschau halten. Dinge, die wir schätzen, Gemeinsamkeiten, die man gerne teilen möchte und zusammen mehr Spaß machen. Ich habe danach überlegt, was für eine Art Beziehung oder Freundschaft oder Gemeinsamkeit das ist. Ich glaube es hat etwas Geschwisterliches, die humorvollen Kämpfe, das ständige Grenzen austesten, ähnliche Lebensverhältnisse und die herzliche, unhinterfragte Verbindung, viel Humor, viel Nähe und immer die nötige Distanz, niemand, der sich behaupten muss oder größer machen als er ist, jeder darf einfach sein, einfach der, der er ist. Man muss solche Geschwister nicht gehabt haben, aber wer das hatte, der überträgt das auf die Freundschaften.

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Alltag, Lernen

Konzentrationsaufgaben

Ich will mein Gehirn wieder etwas mehr trainieren. Ich bin viel zu eingefahren.

Mastermind

Wegen Mastermind kam ich überhaupt auf die Idee. Ich spielte eine Online-Version und erinnerte mich, dass ich es in meiner Jugend mit Begeisterung gespielt habe. Meine Schwester war so nett, den Part der Kontrolleurin zu übernehmen. Man braucht für das Spiel zwei Personen und einer langweilt sich dabei immer, weil er nur die Züge kontrollieren und bewerten muss. Natürlich kann man sich abwechseln, aber was, wenn der andere gar nicht spielen will? Hier kommt der Computer perfekt zum Einsatz. Ich habe mir für Android eine Version geladen, die nicht mehr richtig funktioniert, weil sie für eine ältere Version programmiert und nicht aktualisiert wurde. Am Anfang kommt eine Fehlermeldung und man kann keine High-Scores sehen. Aber es läuft und tut, was es soll. Ich liebe dieses Spiel und mit einem Mal waren tot geglaubte Gehirnregionen reaktiviert. Meine Lust zum Knobeln hält sich in Grenzen, weil ich zu doof und zu unkonzentriert bin. Die optimale Voraussetzung, um das zu ändern, dachte ich mir. Ich will mein Gehirn trainieren.

Ich suchte kurz und fand zwei Apps: Elevate und Lumosity.

Elevate

Elevate ist extrem schick gemacht. Es ist auf Englisch und enthält Aufgaben zur Sprache und Mathematik. Supereinfach, aber dafür ist die Hemmschwelle auch besonders niedrig. Mein Vokabular im Englischen ist sowieso unterirdisch, deshalb ist dieses Niveau für 6-Klässler gerade richtig für mich. Ich brauche ja bloß ein bisschen Fokus. Dafür ist es gerade richtig.

Lumosity

Luminosity ist eine Spielesammlung. Nette Spielchen für nebenbei, die mich genau richtig herausfordern.

Hauptsächlich geht es mir darum, nicht mehr ständig auf Nachrichten zu gucken. Nicht Twitter, Facebook, Whatsapp, Reddit, Discord, Spiegel, Feedly. Aber eben auch nicht nur Lesen und Musik oder Nachdenken und Schreiben. Da hat sich bei mir nämlich eine ganz hässliche Routine eingespielt. Ich muss meine müden Zellen wieder etwas mehr vernetzen und fordern. Ich habe früher so viel Spaß daran gehabt.

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Alltag

Zu kalt, zu dunkel, zu nass

Ich fahre schon lange nicht mehr mit dem Rad zur Arbeit, weil es mit der Bahn so bequem ist. Ich weiß nicht, was mich gestern geritten hat, aber ich habe mich auf das Rad gesetzt und bin im Frost zur Arbeit gefahren. Meine Ohren sind mir abgefroren und mein Gehirn war schockgefrostet.

Zum Geburtstag habe ich eine Stirnlampe zum Laufen gewünscht und bekommen. Jetzt gibt es keine Ausrede mehr, wenn es zu dunkel ist. Dem Chef habe ich es dummerweise erzählt, der ein begeisterter Marathonläufer ist, nächstes Jahr muss ich wohl beim Firmenlauf um den Hockenheimring mitlaufen, Streckenlänge 4,574 km, das ist machbar, denke ich. Ich hasse um die Wette laufen und dieses „Hauptsache mitlaufen“ habe ich nie verstanden, entweder bin ich in der oberen Hälfte oder gar nicht. Ich sage ja, mein Platz ist knapp oberhalb des Durchschnitts und da will ich hin und zwar sofort. Um die Wette laufen heißt für mich, mich mit Unerreichbaren zu messen. Sport ist bei mir ein altes Kindheitstrauma. Laufen lernen wird für mich heißen, mich in Geduld zu üben.

Aber erst einmal muss ich wieder mehr Rad fahren, ich hab ein ordentliches Licht, eine sehr schöne autofreie Strecke von akzeptabler Länge und für die Ohren kann ich die tollen ohrumschließenden Kopfhörer nehmen, die eine Funktion haben, die in diesem Fall nützlich ist: Ambient Sound. Das ist ein kleines Mikrofon, nehme ich an, das die Geräusche von außen ins Ohr überträgt, so dass man die Umgebungsgeräusche hört. Schaltet man es aus, ist komplett Ruhe, schaltet man es an, hört man glasklar die Umgebung, falls mal hinter mir plötzlich ein Fuchs überholt.

Jetzt gibt es fast keine Ausreden mehr.

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Alltag, Film, Gesundheit

Fünfundfünzig

Man ist nicht so alt, wie man sich fühlt, man ist so alt, wie man alt ist. Wir messen unsere Zeit in Zahlen und ich lebe jetzt seit fünfundfünfzig Jahren. Die Zeit mag theoretisch relativ sein, aber sie ist doch eine feste Größe und spätestens bei der nächsten Verabredung, zu der man pünktlich sein will, wird sich zeigen, ob man realistisch und praktisch in der Zeit lebt oder nicht. Verhältnismäßig unabhängig davon ist das Gefühl und von vielen Faktoren abhängig ist die gesundheitliche Verfassung.

Ich hätte gelogen, wenn ich in den Jahren zuvor gesagt hätte, mir würde die Zahl nichts bedeuten. Jetzt aber ist es wahr. Die Qualität des Lebens gewinnt an Bedeutung.

Ja, es gibt etwas, dass ich mir für das älter werden vornehme: ich will und muss in Bewegung bleiben. Damit meine ich kein Training oder Wettbewerb, keine extrinsischen Motive. Ich muss diesen Körper in Bewegung halten und ihn mit Sauerstoff und Wasser und Nährstoffen versorgen. Das passiert aber nicht mit Astronautennahrung und technischen Hilfsmitteln, sondern mit reiner Lust und Freude, mit sozialverträglichem Hedonismus und Narzissmus, der die Grenze zu unrealistischen Vorstellungen nicht überschreitet, geschweige denn einem Größenwahn unterliegt. Wenn ich mich doll anstrenge, komme ich mit allem vielleicht mal gerade knapp über das Mittelmaß, das ist meine Position in der Welt. Das ist keine quantitative Aussage, sondern eine qualitative. Im letzten Jahr habe ich gemerkt, dass ich mich nicht mehr doll anstrengen muss. Ich bin relativ stabil. Ich habe die Potentiale, die mir wichtig wahren, einigermaßen rausgearbeitet und kann sie beständig weiterführen, ohne dass sie mir abhanden kommen. Ich kann Pizza futtern, Industriezucker zu mir nehmen, Alkohol trinken, im Bett mein Buch lesen, vor dem Rechner zocken oder zum Spaß WordPress-Themes zusammenklöppeln, solange ich dabei und nebenbei immer in Bewegung bleibe.

Kurz und knapp: Bewegung, viel trinken, viel schlafen. Das ist es, was ich in diesem Alter körperlich brauche.

Die Tage werden jetzt also wieder länger, ich finde den Zeitpunkt meiner Geburt nicht gerade angenehm, oft ist es bewölkt und dann haben wir noch die kürzeste Sonnenphase. Dieses Jahr hatte ich sehr viel Glück, die Sonne schien, es war keine Wolke am Himmel. Ich hatte Karten für’s Kino reserviert und bin mit der Familie in West Side Story gegangen. Das Remake ist grandios. Seitdem ich tanze, ist West Side Story einer meiner Lieblingsfilme. Die neue Version bringt mehr Romeo und Julia-Elemente rein, was dem Film sehr gut tut. Auch sind wesentliche Elemente deutlich besser rausgearbeitet. Technisch ist er auf dem neuesten Stand, Justin Peck ist der Choreograph der Wahl, die Besetzung gut gewählt. Am Anfang des Films sieht man den Lincoln Center und das New York City Ballet im Aufbau, was ich für eine sehr schönen Einstieg halte, weil der Film eben mehr als nur eine Geschichte erzählt, sondern Teil eines viel größeren kulturellen Zusammenhangs ist.

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Alltag, Bücher

Sommerferien

Diesen Sommer war ich extrem ruhebürftig. Ich brauchte Erholung. Das ist natürlich mit Freizeitaktivitäten, Freundschaften und Familie nur bedingt möglich. Nicht zu vergessen: die Arbeit, mit der ich Geld verdiene. Bei mir war die Batterie komplett leer. Ich hielt mich mit Yoga und ein bisschen Krafttraining aufrecht.

Jetzt habe ich zudem eine junge Sängerin, die mit mir Musik machen will. Ich freue mich ja und will die Gelegenheit nutzen.

Seit gestern haben wir auch noch zwei neue Katzen.

Ende des Monats geben wir zu dritt ein kleines Privat-Konzert via Zoom. Dafür muss ich Songs und Texte lernen.

Ich mache mehr und länger Yoga. Ich muss in Bewegung bleiben, darf mich aber weder verzetteln noch verausgaben.

Aber wir haben jetzt insgesamt drei Wochen Urlaub gemacht. Zwei davon in der Nähe von München an einem kleinen See. Wir waren in den Pinakotheken, die mich mal wieder unbeschreiblich gefesselt haben, die alte, nicht die der Moderne. Natürlich habe ich wieder den unwiderstehlichen Drang verspürt, zu malen.

Um aber tatsächlich mein Gehirn wieder zu reinigen, ohne dabei das Gefühl zu haben, dass alles nur an mir vorbeirauscht, habe ich einen Schnitt gemacht und das Lesen neu angefangen. Ich habe nämlich festgestellt, dass Text nur noch als Information durch mein Gehirn rauscht und nur mäßig Spuren hinterlässt. Also habe ich mein komplettes Bücherregal leer geräumt und werde nur noch gebundene Bücher lesen. Das mache ich eigentlich so gut wie nie. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass ich gebundene Bücher wirklich als Leseerlebnis in Erinnerung behalte. Das bedeutet, dass ich jetzt auch das, was ich bloß zur Unterhaltung lese, in gebundener Form lese. Ich habe immer noch eine alte Schere im Kopf zwischen hochwertiger, gebundener Literatur und Trivialliteratur in Heftform, dazwischen die Taschenbücher. Vielleicht habe ich mich auch deshalb schon früh auf ein Kindle gestürzt, weil der Text dadurch als reiner Text für mich lesbar wurde und ich den Staub und Anspruch nicht mehr hatte. Mir waren manche Bücher ja so peinlich, dass ich ihren Umschlag abriss, um sie zu lesen. Zimmer mit Aussicht zum Beispiel. Das ist Quatsch, totaler Unsinn, aber es hat mich wahnsinnig viel gekostet, an den Punkt zu kommen, dieses Buch in der Öffentlichkeit in gebundener Form mit Lesebändchen zu lesen (habe ich nicht, aber würde ich jetzt). Ja, ich denke, ich habe mich langsam aber sicher von den Beurteilungen von außen gelöst. Das Urteil anderer ist mir mittlerweile vollkommen egal. Das war ein verdammt harter, einsamer und langer Weg. Aber er war notwendig.

Im Urlaub habe ich dann drei Bücher gelesen.

Der Schneeleopard

Ein guter Einstieg, kurz, nachdenklich, humorvoll und klug geschrieben. Ein Autor, den ich jetzt sehr mag.

Sylvain Tesson begleitet einen Tierfotografen, der Schneeleoparden fotografieren will. Die Reise entwickelt sich zu einem meditativen und philosophischen Weg.

Die Mitternachtsbibliothek

Das war auch ein Glücksgriff. Ein kluges, unterhaltsames Buch über das Leben und die Erwartungen, die man daran stellt.

Eine Frau will sich das Leben nehmen, weil sie denkt, dass die die falschen Entscheidungen getroffen hat und jetzt in einer Sackgasse gelandet ist. Stattdessen landet sie in einer Zwischenwelt, die ihr die Möglichkeit gibt, alle Leben zu leben, die sie wollte.

Oktopusse

Ich hatte vor einiger Zeit Der Krake, das Meer und die tiefen Ursprünge von des Bewusstseins von Peter Godfrey-Smith gelesen. Ein sehr gutes, anspruchsvolles Buch über Kraken. Ich habe allerdings vieles wieder vergessen und das Buch zum Teil nur flüchtig gelesen.

In einem Antiquariat nahm ich mir Rendezvous mit einem Oktopus mit. Für den Urlaub musste ich es mir doch als Ebook kaufen. Ich habe dabei festgestellt, dass ich Ebooks einfach anders lese. Ich lese deutlich unaufmerksamer. Gegen Ende habe ich auch nicht mehr so aufmerksam gelesen.

Das Buch liest sich wie ein Tagebuch, und wenn man es in dieser Art liest, kann man viel Freude daran haben. Es ist kein Fach- oder Sachbuch, sondern eher ein Bericht.

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Alltag

Meine kleine Blase

Es ist schon seltsam, aber der Umgang mit der Pandemie hat die Beziehungen wieder etwas verschoben und mich vor das Problem gestellt, wie ich meine Beziehungen bewerten soll. So geht es einigen in meiner Umgebung, so eine gewisse soziale Verunsicherung, als wenn die Verunsicherung ausstrahlt. Es gibt einfache ganz praktische, pragmatisches Regeln, wie man mit der Pandemie umgeht (Abstand, Maske, Lüften, Impfen, alles wenn und so gut wie möglich) und wer dieses Verhalten weitgehend teilt, dem vertraue ich. Schwurbler sind alle komplett rausgeflogen. Es sind ein paar Menschen übrig geblieben, die ich tatsächlich für weniger gescheit halte (ich habe dieses hübsche alte Formulierung gerade ganz bewusst gewählt) und mit denen ich auch nichts mehr zu tun haben will, zumal sie mich durch ihr Verhalten in gefährliche Situationen bringen. In meinem Umfeld ist man sich mittlerweile ausnahmslos einig, manche Informationslücken sind gefüllt, ein bisschen Versuch und Irrtum ist für alle dabei. Geimpft sind in meinem Umfeld soweit alle bzw. gerade dabei und jeder anders. Ich kann mir gar nicht oft genug sagen, wie glücklich ich über den Stand unserer Wissenschaft bin. Und ich befinde mich in einer verhältnismäßig sicheren Umgebung.

Ich musste ja etwas lachen als der Mann im Dönerladen mich im Lockdown fragte, ob es mir gut ginge und ich so etwas zerknirscht reagierte. „Bist Du gesund?“, fragte er „Hast Du genug Geld?“. „Mhja.“, sage ich. „Dann geht’s Dir gut!“.

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Alltag

Gute Reise, Kater

Heute morgen wurde unser Kater eingeschläfert. Die letzte Nacht muss fürchterlich für ihn gewesen sein. Ich hatte gehofft, dass die Medikamente anschlagen. Was es genau war, weiß man nicht, wahrscheinlich das Herz. Erst war die Leber in Verdacht, dann ein Tumor, zuletzt das Herz. Die Aszites (Bauchwassersucht) war ein ganz schlechtes Zeichen. Das Einzige, was man richtig machen konnte, war, dafür zu sorgen, dass es ihm in jedem Moment möglichst gut geht.

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