Fünfundfünzig

Man ist nicht so alt, wie man sich fühlt, man ist so alt, wie man alt ist. Wir messen unsere Zeit in Zahlen und ich lebe jetzt seit fünfundfünfzig Jahren. Die Zeit mag theoretisch relativ sein, aber sie ist doch eine feste Größe und spätestens bei der nächsten Verabredung, zu der man pünktlich sein will, wird sich zeigen, ob man realistisch und praktisch in der Zeit lebt oder nicht. Verhältnismäßig unabhängig davon ist das Gefühl und von vielen Faktoren abhängig ist die gesundheitliche Verfassung.

Ich hätte gelogen, wenn ich in den Jahren zuvor gesagt hätte, mir würde die Zahl nichts bedeuten. Jetzt aber ist es wahr. Die Qualität des Lebens gewinnt an Bedeutung.

Ja, es gibt etwas, dass ich mir für das älter werden vornehme: ich will und muss in Bewegung bleiben. Damit meine ich kein Training oder Wettbewerb, keine extrinsischen Motive. Ich muss diesen Körper in Bewegung halten und ihn mit Sauerstoff und Wasser und Nährstoffen versorgen. Das passiert aber nicht mit Astronautennahrung und technischen Hilfsmitteln, sondern mit reiner Lust und Freude, mit sozialverträglichem Hedonismus und Narzissmus, der die Grenze zu unrealistischen Vorstellungen nicht überschreitet, geschweige denn einem Größenwahn unterliegt. Wenn ich mich doll anstrenge, komme ich mit allem vielleicht mal gerade knapp über das Mittelmaß, das ist meine Position in der Welt. Das ist keine quantitative Aussage, sondern eine qualitative. Im letzten Jahr habe ich gemerkt, dass ich mich nicht mehr doll anstrengen muss. Ich bin relativ stabil. Ich habe die Potentiale, die mir wichtig wahren, einigermaßen rausgearbeitet und kann sie beständig weiterführen, ohne dass sie mir abhanden kommen. Ich kann Pizza futtern, Industriezucker zu mir nehmen, Alkohol trinken, im Bett mein Buch lesen, vor dem Rechner zocken oder zum Spaß WordPress-Themes zusammenklöppeln, solange ich dabei und nebenbei immer in Bewegung bleibe.

Kurz und knapp: Bewegung, viel trinken, viel schlafen. Das ist es, was ich in diesem Alter körperlich brauche.

Die Tage werden jetzt also wieder länger, ich finde den Zeitpunkt meiner Geburt nicht gerade angenehm, oft ist es bewölkt und dann haben wir noch die kürzeste Sonnenphase. Dieses Jahr hatte ich sehr viel Glück, die Sonne schien, es war keine Wolke am Himmel. Ich hatte Karten für’s Kino reserviert und bin mit der Familie in West Side Story gegangen. Das Remake ist grandios. Seitdem ich tanze, ist West Side Story einer meiner Lieblingsfilme. Die neue Version bringt mehr Romeo und Julia-Elemente rein, was dem Film sehr gut tut. Auch sind wesentliche Elemente deutlich besser rausgearbeitet. Technisch ist er auf dem neuesten Stand, Justin Peck ist der Choreograph der Wahl, die Besetzung gut gewählt. Am Anfang des Films sieht man den Lincoln Center und das New York City Ballet im Aufbau, was ich für eine sehr schönen Einstieg halte, weil der Film eben mehr als nur eine Geschichte erzählt, sondern Teil eines viel größeren kulturellen Zusammenhangs ist.


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