Monat: Dezember 2021

Alltag

Zu kalt, zu dunkel, zu nass

Ich fahre schon lange nicht mehr mit dem Rad zur Arbeit, weil es mit der Bahn so bequem ist. Ich weiß nicht, was mich gestern geritten hat, aber ich habe mich auf das Rad gesetzt und bin im Frost zur Arbeit gefahren. Meine Ohren sind mir abgefroren und mein Gehirn war schockgefrostet.

Zum Geburtstag habe ich eine Stirnlampe zum Laufen gewünscht und bekommen. Jetzt gibt es keine Ausrede mehr, wenn es zu dunkel ist. Dem Chef habe ich es dummerweise erzählt, der ein begeisterter Marathonläufer ist, nächstes Jahr muss ich wohl beim Firmenlauf um den Hockenheimring mitlaufen, Streckenlänge 4,574 km, das ist machbar, denke ich. Ich hasse um die Wette laufen und dieses „Hauptsache mitlaufen“ habe ich nie verstanden, entweder bin ich in der oberen Hälfte oder gar nicht. Ich sage ja, mein Platz ist knapp oberhalb des Durchschnitts und da will ich hin und zwar sofort. Um die Wette laufen heißt für mich, mich mit Unerreichbaren zu messen. Sport ist bei mir ein altes Kindheitstrauma. Laufen lernen wird für mich heißen, mich in Geduld zu üben.

Aber erst einmal muss ich wieder mehr Rad fahren, ich hab ein ordentliches Licht, eine sehr schöne autofreie Strecke von akzeptabler Länge und für die Ohren kann ich die tollen ohrumschließenden Kopfhörer nehmen, die eine Funktion haben, die in diesem Fall nützlich ist: Ambient Sound. Das ist ein kleines Mikrofon, nehme ich an, das die Geräusche von außen ins Ohr überträgt, so dass man die Umgebungsgeräusche hört. Schaltet man es aus, ist komplett Ruhe, schaltet man es an, hört man glasklar die Umgebung, falls mal hinter mir plötzlich ein Fuchs überholt.

Jetzt gibt es fast keine Ausreden mehr.

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Alltag, Film, Gesundheit

Fünfundfünzig

Man ist nicht so alt, wie man sich fühlt, man ist so alt, wie man alt ist. Wir messen unsere Zeit in Zahlen und ich lebe jetzt seit fünfundfünfzig Jahren. Die Zeit mag theoretisch relativ sein, aber sie ist doch eine feste Größe und spätestens bei der nächsten Verabredung, zu der man pünktlich sein will, wird sich zeigen, ob man realistisch und praktisch in der Zeit lebt oder nicht. Verhältnismäßig unabhängig davon ist das Gefühl und von vielen Faktoren abhängig ist die gesundheitliche Verfassung.

Ich hätte gelogen, wenn ich in den Jahren zuvor gesagt hätte, mir würde die Zahl nichts bedeuten. Jetzt aber ist es wahr. Die Qualität des Lebens gewinnt an Bedeutung.

Ja, es gibt etwas, dass ich mir für das älter werden vornehme: ich will und muss in Bewegung bleiben. Damit meine ich kein Training oder Wettbewerb, keine extrinsischen Motive. Ich muss diesen Körper in Bewegung halten und ihn mit Sauerstoff und Wasser und Nährstoffen versorgen. Das passiert aber nicht mit Astronautennahrung und technischen Hilfsmitteln, sondern mit reiner Lust und Freude, mit sozialverträglichem Hedonismus und Narzissmus, der die Grenze zu unrealistischen Vorstellungen nicht überschreitet, geschweige denn einem Größenwahn unterliegt. Wenn ich mich doll anstrenge, komme ich mit allem vielleicht mal gerade knapp über das Mittelmaß, das ist meine Position in der Welt. Das ist keine quantitative Aussage, sondern eine qualitative. Im letzten Jahr habe ich gemerkt, dass ich mich nicht mehr doll anstrengen muss. Ich bin relativ stabil. Ich habe die Potentiale, die mir wichtig wahren, einigermaßen rausgearbeitet und kann sie beständig weiterführen, ohne dass sie mir abhanden kommen. Ich kann Pizza futtern, Industriezucker zu mir nehmen, Alkohol trinken, im Bett mein Buch lesen, vor dem Rechner zocken oder zum Spaß WordPress-Themes zusammenklöppeln, solange ich dabei und nebenbei immer in Bewegung bleibe.

Kurz und knapp: Bewegung, viel trinken, viel schlafen. Das ist es, was ich in diesem Alter körperlich brauche.

Die Tage werden jetzt also wieder länger, ich finde den Zeitpunkt meiner Geburt nicht gerade angenehm, oft ist es bewölkt und dann haben wir noch die kürzeste Sonnenphase. Dieses Jahr hatte ich sehr viel Glück, die Sonne schien, es war keine Wolke am Himmel. Ich hatte Karten für’s Kino reserviert und bin mit der Familie in West Side Story gegangen. Das Remake ist grandios. Seitdem ich tanze, ist West Side Story einer meiner Lieblingsfilme. Die neue Version bringt mehr Romeo und Julia-Elemente rein, was dem Film sehr gut tut. Auch sind wesentliche Elemente deutlich besser rausgearbeitet. Technisch ist er auf dem neuesten Stand, Justin Peck ist der Choreograph der Wahl, die Besetzung gut gewählt. Am Anfang des Films sieht man den Lincoln Center und das New York City Ballet im Aufbau, was ich für eine sehr schönen Einstieg halte, weil der Film eben mehr als nur eine Geschichte erzählt, sondern Teil eines viel größeren kulturellen Zusammenhangs ist.

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Liebe

What can you tell me about love

„A broken heart — that grief of love — is always love’s true destination. This is the covenant of love … To love the world is a participatory and reciprocal action — for what you give to the world, the world returns to you, many fold, and you will live days of love that will make your head spin, that you will treasure for all time … I have only one piece of advice for you both, and it is the very best that I can give. Love. The world is waiting.“

Nick Cave – The Redhand Files
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Film

Joker

Heath Ledger hat 2008 der Comicfigur Joker in The Dark Knight bereits ein menschliches Gesicht gegeben und aus der archetypischen Figur des Tricksters einen psychisch gestörten Menschen gemacht (nicht er selbst, sondern Drehbuch und Regie natürlich). Warum das gemacht wird, weiß ich nicht. Einerseits werden die Schurken vermenschlicht, damit wir die Figuren verstehen und wir in ihnen menschliche Ähnlichkeiten sehen, andererseits ist es nun mal Tatsache, dass psychisch gestörte Menschen Taten vollbringen, die wir nicht verstehen oder nachvollziehen müssen und Comics und Fiktion schon mal gar keine Dokumentationen sind, sondern der Fantasie entsprungen, und sie (nur) kulturellen Mustern und Bildern folgen dürfen. Irgendwie bewegen sich dann diese Filme in einer unschönen Grauzone zwischen Comic und Realfilm.

Ich fand den Film technisch und vor allem schauspielerisch sehr gut, bereits Heath Ledger hat mich begeisert und Joaquin Phoenix hier ebenso. Allerdings wurde mir der Bezug zur Geschichte Batmans etwas zu sehr hingebogen. Geschichtsverfälschung erlaube ich nicht und die Mörder der Eltern waren nun mal klassische Räuber.

Kurz: die Entwicklungsgeschichte Jokers ist mir einfach zu sehr scheinreal hingebogen, aber ich fürchte, da kommt man heutzutage nicht mehr herum. Fehlt nur noch, dass Joker demnächst im Tatort auftaucht.

Selbst wenn der Witz darin läge, dass Joker sich die Geschichte bloß ausgedacht hat, ist das Ganze eine Traum-Schein-Welt-Story und eben kein Comic mehr.

Ich bin da zwiegspalten: als Film sehr gut, als DC Comic-Story nicht so sehr.

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Film

Moment, das ist doch …

Einer der bekanntesten Weihnachtsfilme ist National Lampoon’s Christmas Vacation (Schöne Bescherung, Hilfe, es weihnachtet sehr) mit Chevy Chase, Beverly D’Angelo, Juliette Lewis und Johnny Galecki.

In einem unserer Urlaube hat sich die Familie (samt Kinder) einen Film angesehen, den ich unfassbar komisch fand – genau mein derber Humor. Im Laufe des Films dachte ich: „Griswold, Rusty … das sind doch die Namen aus dem Weihnachtsfilm?!“ Als am Ende dann noch Chevy Chase als Großvater auftauchte, erkannte ich, dass das die nächste Generation war, mit Russ als Vater.

Der Film heißt Vacation, wir haben ihn jetzt zum zweiten Mal gesehen und zum Glück hatte ich fast alles vergessen, so dass ich mich ein zweites Mal halb totlachen konnte.

Der Film bekam ziemliche schlechte Kritiken. Der Filmdienst schreibt: Der „grobschlächtige, auch ins Vulgäre ausgreifende Film“ reihe „in der Manier einer Sketchparade eine Peinlichkeit an die nächste“, wobei er „nahezu ungebrochen einer erzkonservativen Ideologie“ huldige. (Quelle) Das ist natürlich völlig richtig und als alter Fan von Kentucky Fried Movie und Big Gag Movie Station (The Groove Tube) liebe ich solche Filme.

National Lampoon war in den 70ern ein Satiremagazin, es gab eine Radioshow (in der unter anderem John Belushi, Bill Murray und Chevy Chase auftraten), Theaterstücke und Filmreihen.

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