Homo Faber

Die Tochter soll Homo Faber für die Schule über die Ferien lesen. Sie hört sich das Hörbuch am letzten Tag mit eineinhalbfacher Geschwindigkeit in vier Stunden an. Ich frage mich, ob Lehrer wissen, welche Skills sich Schüler:innen in Wahrheit aneignen. „Homo Faber“, sage ich, „habe ich auch in Deinem Alter gelesen“. An viel kann ich mich nicht erinnern. Ein Buch über einen mittelalten Mann. Er stürzt mit dem Flugzeug ab und freut sich darauf, sich zu rasieren.

„Er verliebt sich in seine Tochter“, sagt meine Tochter.

Im Ernst? Ich kann mich nicht erinnern. Stimmt, Sabeth heißt sie. Ich kannte mal eine Frau, die tatsächlich Sabeth hieß. Nach dem Roman, nehme ich an. Ich habe das Buch praktisch komplett vergessen. Ein Mann ohne Probleme hat wahnsinnige Probleme, weil er verklemmt ist und auf junge Frauen steht. Gelesen und vergessen. Zu der Zeit war ich Pasolini- und Buñuel-Fan.

„Das ist ja auch wirklich das, was eine siebzehnjährige Jugendliche von heute interessiert: Das Gedankenkonstrukt und Gefühlsleben eines mittelalten Mannes. Lest ihr auch Bücher von und über Frauen?“, frage ich sie. „Nein“, sagt sie „nur so komische Bücher von und über Männer“.

Ich habe mir nie besonders viele Gedanken dazu gemacht, wenn ich mir die Empfehlungsliste für Schullektüre an Gymnasien in Baden-Württemberg ansehe, denke ich, dass das ja keine schlechte Liste ist, man kann sich ja etwas rauspicken. Allerdings würde ich sie mal modernisieren, das heißt Alherrenlitartur rausschmeißen und vernünftige Bücher reinnehmen. Vielleicht muss man an diese Liste aber mal ganz ernsthaft radikal und kritisch rangehen und modernisieren.

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