Künstler und Tänzer

Die erste Meldung kam von meiner Ballettschule über einen Aushang am letzten Mittwoch: Sie schließt für eine Woche. Tags darauf kam die Meldung in unserer Whatsapp-Gruppe, dass sie für einen ganzen Monat schließt. Im Unterricht waren wir so wenige wie noch nie, wir arbeiteten weiter an unserer Choreografie, mit Partnering, das heißt vollem Körperkontakt.

Innerhalb von vier Tagen wurden die Maßnahmen aufgrund der steigenden Zahlen und der Aussicht auf die Verhinderung eines exponentiellen Wachstums verschärft. Sämtlicher Unterricht fällt bis Ende April aus, das heißt kein Unterricht, keine Workshops und keine Bezahlung für meine Lehrerinnen und meinen Lehrer und die Schulleiterinnen. Das heißt auch keine Aufführungen.

Für die Tänzerinnen und die Theater ist das existentiell. Für manche ist das Tanzen das Leben, nicht nur psychologisch, auch finanziell.

Wir wollten Ostern mit den Kindern meine Eltern besuchen, wir sehen sie nur einmal im Jahr, was sowieso viel zu selten ist. Der Besuch wurde gestern abgesagt, eine traurige, gemeinsame, vernünftige Entscheidung. Für meine Mutter wäre eine Infektion gefährlich.

Ich habe Karten für eine Aufführung zum Geburtstag geschenkt bekommen, wenn wir Glück haben, findet sie statt, ich habe mich darauf sehr gefreut. Die Aufführung findet garantiert nicht statt.

Ich hoffe, dass die Infektionszahlen innerhalb des nächsten Monats zurückgehen, ich hoffe es für alle, aber besonders muss ich an all die Tänzerinnen und Künstler und Theaterbesitzer denken, den gesamten Kulturbetrieb, eine Kultur, deren Bestandteil es ist, sich zu treffen, zu begegnen. Ich kenne viele Menschen, für die eine persönliche Begegnung sehr wichtig ist.

Update: Es wird mit Sicherheit noch lange Zeit Maßnahmen geben.

Billy Nomates – No

Jetzt bin ich verwirrt, aber wenn ich das richtig sehe, hat Billy Nomates ihr Album No im Alleingang zuhause aufgenommen und über Bandcamp verkauft (dort habe ich es nämlich her), und jetzt kommt das Album demnächst bei Invada Records (Geoff Barrows Label) raus. Ich vermute, es wurde nochmal neu aufgenommen oder produziert oder abgemischt. Das finde ich völlig in Ordnung, auch wenn ich ein großer Freund roher Aufnahmen bin, kann man aus manchen Song einfach mehr machen.

Ich hatte mich letzten mit einem befreundeten Musiker unterhalten und stellte fest, dass es den einen, fertigen Song selten gibt, es kommt immer wieder mal vor, dass es Songs in unterschiedlichen Versionen gibt, weil man als Musiker ja nie sagen kann, wann ein Song in welcher Version als fertig gilt. Das, was man hört, ist ja immer nur eine Version eines Songs.

Rauchen und Tanz in Videos

Hamburg, Punk und eine Contemporary/Modern/Jazz-Tanzgruppe … das muss ich ja mögen. Naja, vielleicht werde ich alt. Nein, eigentlich nicht, als ich jung war fand ich Storm Troopers of Death auch eher nur amüsant.

Die Tanzgruppe kann ja richtig was, ich hätte aber anstelle von Improvisation eine Choreografie genommen.

Grenzen überschreiten ist etwas anderes, was den Text, die Musik und den Tanz angeht. Denn die Grenzen, die man damit überschreiten will, hat man hier nicht einmal annähernd erreicht.

Was ich ja sehr erstaunlich und überzeugend fand, habe ich in dem Shop von Shen Yun gefunden:

Did you know that dance, 舞, and martial arts, 武, are two sides of the same coin? In fact, they even share the same pronunciation in Chinese — „wu.“ While dance is more elaborate and fluid, martial arts are more impromptu and abrupt. Can you tell which character is for dance, and which is for martial arts?

Wie nah Tanz und Kampfsport beieinander liegen, sieht man hier.

Eine zeitgenössische Choreografie braucht Kraft, Flüssigkeit, Ausdruck und Form. Und gerade Punk braucht Präzision und muss Dinge auf den Punkt bringen.

Der Tanz im Video, würde ich sagen, braucht Form, Kraft und mehr Ausdruck.

Man hat die Entscheidung, wie Musik und Tanz im Video zusammenkommen, ob man ihn kontrastieren oder eigenständig, eher zufällig passend einbaut, oder ob man ihn klassisch choreografiert.

Tanz als ästhetischer Kontrapunkt

  • Nirvana – Smells like teen spirit
  • Slow Club – Two Cousins
  • The Avalanches – Since I left you

Tanz als Choreografie

  • Hozier – Take me to church
  • Sia – Chandelier

Es geht nicht darum, ob ich es persönlich besser tanzen oder choreografieren würde, sondern darum, dass ich es auf eine Weise anders gemacht hätte, so dass ich es besser gefunden hätte. Das ist nicht nur eine Geschmacksfrage, da ist einfach ganz viel ungenutztes Potential in der der Tanzdarstellung.

Wollen haben

„Sarah will den Apfel gegessen haben.“

Sarah ist entweder fünf Jahre alt oder, hoffentlich, in psychischer Behandlung, denn Sarah hat den Apfel gar nicht gegessen, glaubt aber felsenfest daran.

Es gibt unterschiedliche Arten, sich von einer Aussage zu distanzieren, weil man an der Wahrheit der Aussage zweifelt oder es nicht nachprüfen kann.

„Sarah sagt, sie habe den Apfel gegessen.“

Na, dann wollen wir ihr mal glauben.

„Sarah behauptet, sie habe den Apfel gegessen.“

Der Frechdachs, isst nie seinen Apfel, warum sollte sie ihn heute gegessen haben.

„Sarah glaubt daran, den Apfel gegessen zu haben.“

Die arme Irre.

„Sarah will den Apfel gegessen haben.“

Stur ist die arme Irre auch noch.

Wenn man, wie im Fall auf dem Bild, nicht schreibt „Einige gaben an, aus diesem Grund ausgetreten zu sein“, was ja schon genug Distanz ausdrückt, oder „Einige seien deshalb ausgetreten“, was sogar noch Zweifel ausdrückt, sondern auch noch schreibt „Einige wollen deshalb ausgetreten sein“, dann sind sie nicht nur nicht deshalb ausgetreten, sondern behaupten es und glauben auch noch daran, als wüssten sie es nicht besser.

Wir können nicht wissen, was der andere will, und sie selbst haben es mit Sicherheit nicht so ausgedrückt.

Warum schreiben manche Journalisten nicht im Konjunktiv? Warum stellen sie stattdessen jemandem ein Gutachten über seinen Geisteszustand aus und formulieren so, als wüssten sie es besser und die Person gegenüber würde sich wie ein bockiges Kleinkind verhalten?

Berichte bestehen aus Tatsachen, Behauptungen und Aussagen, und wie man diese verständlich und nachvollziehbar formuliert, ist hinreichend geregelt.

Wenn ich mich richtig erinnere, hat Wolf Schneider in seinem Buch Deutsch für Profis im Jahr 1986 diese Formulierung beschrieben und zurecht angeprangert. Immerhin geht es hier um die Glaubwürdigkeit von Menschen und ihren Aussagen.

Homo Faber

Die Tochter soll Homo Faber für die Schule über die Ferien lesen. Sie hört sich das Hörbuch am letzten Tag mit eineinhalbfacher Geschwindigkeit in vier Stunden an. Ich frage mich, ob Lehrer wissen, welche Skills sich Schüler:innen in Wahrheit aneignen. „Homo Faber“, sage ich, „habe ich auch in Deinem Alter gelesen“. An viel kann ich mich nicht erinnern. Ein Buch über einen mittelalten Mann. Er stürzt mit dem Flugzeug ab und freut sich darauf, sich zu rasieren.

„Er verliebt sich in seine Tochter“, sagt meine Tochter.

Im Ernst? Ich kann mich nicht erinnern. Stimmt, Sabeth heißt sie. Ich kannte mal eine Frau, die tatsächlich Sabeth hieß. Nach dem Roman, nehme ich an. Ich habe das Buch praktisch komplett vergessen. Ein Mann ohne Probleme hat wahnsinnige Probleme, weil er verklemmt ist und auf junge Frauen steht. Gelesen und vergessen. Zu der Zeit war ich Pasolini- und Buñuel-Fan.

„Das ist ja auch wirklich das, was eine siebzehnjährige Jugendliche von heute interessiert: Das Gedankenkonstrukt und Gefühlsleben eines mittelalten Mannes. Lest ihr auch Bücher von und über Frauen?“, frage ich sie. „Nein“, sagt sie „nur so komische Bücher von und über Männer“.

Ich habe mir nie besonders viele Gedanken dazu gemacht, wenn ich mir die Empfehlungsliste für Schullektüre an Gymnasien in Baden-Württemberg ansehe, denke ich, dass das ja keine schlechte Liste ist, man kann sich ja etwas rauspicken. Allerdings würde ich sie mal modernisieren, das heißt Alherrenlitartur rausschmeißen und vernünftige Bücher reinnehmen. Vielleicht muss man an diese Liste aber mal ganz ernsthaft radikal und kritisch rangehen und modernisieren.