Bildschirm­müde

Ich habe es ja schon angedeutet: Bücher lesen macht für mich mehr und mehr einen Unterschied im Vergleich zum Lesen an einem Bildschirm. Und obwohl die Qualität der Oberfläche und des Textes sowohl bei einem iPad als auch bei einem Kindle (Paperwhite) sehr gut ist, lese ich mit einem Buch anders.

Bin ich erst einmal vertieft, ist es mir egal, womit ich lese, aber im Alltag, wenn ich erschöpft und unkonzentriert bin, brauche ich eine gewisse Zeit, bis ich in einen Text reinkomme, vor allem, wenn er meine volle Aufmerksamkeit braucht.

Ich lese viel am Bildschirm, meist kurze Texte, manchmal lange. Ich habe auch ganze Kapitel auf dem iPhone gelesen, bei Sach- oder Fachbüchern geht das sehr gut. Aber je mehr ich in anspruchsvolle Literatur komme, desto mehr ist die Umgebung des Textes relevant, bis hin zum Raum, in dem ich mich befinde. Bücher sind Teil einer Umgebung, während Bildschirme für mich vollkommen losgelöst existieren. Einerseits sind sie in meinem Leben vollkommen integriert, aber es bleiben Fensterchen, die mit dem Umfeld nichts zu tun haben.

Ich bin gerade dabei, das Lesen wieder auf das Papier zu verlagern, ich habe so viele ungelesene, schöne Bücher.

Das alles kann sich auch wieder ändern und womöglich ist es nur eine temporäre Bildschirmmüdigkeit. Aber der Umgebung wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken, ist sicher keine schlechte Entwicklung.

Midsommar

Am Samstag habe ich mir Midsommar angesehen. Der Film ist ein Social/Folk-Horrorfilm, mit sehr guten Schauspielern, einem angenehm konzentrierten und langsamen Tempo und gut gemachten expliziten Darstellungen.

Das Thema des sozialen Horrors ist eine Gruppe von Menschen, die für sich in Anspruch nimmt, das Leben und die Welt zu kennen und die in einem geschlossenen, abgeschirmten System mittels Tradition und Rituale lebt. Der Film behandelt Grundthemen gesellschaftlicher und menschlicher Fragen. Auf der anderen Seite steht die mangelnde Freiheit, auf der anderen Seite das Gefühl nach Zugehörigkeit, Geborgenheit und einer Antwort auf die Fragen des Lebens.

Der Horror entsteht dadurch, dass ethische Grenzen, Verhaltensweisen und Regeln überschritten werden.

Alles Weitere wäre zu viel verraten.

Auf Midsommar kam ich durch Ari Aster, der das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat. Von ihm habe ich Hereditary gesehen, den ich schon sehr gut fand. Die Mischung aus außergewöhnlich gutem Schauspiel, Ruhe und den Elementen des Horrors gefällt mir.

Es gibt einen Directors Cut, der 24 Minuten länger geht (171 satt 147 Minuten).

Hipsta­herbst

Ich bekomme immer im September Lust, mit Hipstamatic herumzuspielen. Ich mag die App, die auf mich wie ein kleines Trompe-l‘œil-Kunstwerk wirkt. Die App selbst ist ausgesprochen gut gemacht, die Ergebnisse irrwitzig überdreht, falsch oder künstlich, manchmal aber eben doch ganz schick, und es hat etwas von einem Zufallsverfahren.

Wieso ich ausgerechnet im September anfange, die App zu benutzen, weiß ich nicht. Ich vermute, dass das nachlassende Sonnenlicht die Farben in meiner Umgebung reduziert und ich instinkthaft dem entgegenwirken will. Buntheit gegen Herbstgrauheit.

Seit 1.10. gibt es eine neue Version von Hipstamatic. Mit anderem Bezahlmodell und einfacherem User Interface.

Songtexte schreiben

Es gibt Dinge, die ich machen will, aber nicht weiß, wie ich anfangen soll. Schreiben gehört dazu. Ich kann zwar schreiben, also Sätze formulieren, die meine Gedanken oder Informationen wiedergeben, aber ich kann keine Geschichten schreiben und vor allem keine Songtexte. Ich kann schon, aber keine wirklich guten, keine, die mich selbst zufriedenstellen.

Nun habe ich mir vorgenommen, genau das zu tun, einen Songtext schreiben und sogar noch ein Lied draus machen.

Zu diesem Zweck habe ich mir ein Moleskine besorgt und schreibe meine Ideen auf, Textzeilen, einfache Sätze. Nur wird da irgendwie kein Text draus. Ich muss irgend einen Weg finden, wie ich vorgehe. Einerseits muss ich ganz locker und unverkrampft rangehen, andererseits brauche ich eine Struktur, eine gewisse Form.

Nick Cave gibt einen Rat auf The Redhand Files.

You are not the ‘Great Creator’ of your songs, you are simply their servant, and the songs will come to you when you have adequately prepared yourself to receive them. They are not inside you, unable to get out; rather, they are outside of you, unable to get in. Songs, in my experience, are attracted to an open, playful and motivated mind.

Nick Cave

Open, playful, motivated …

Ich höre gerade wieder viel Songs mit E-Gitarre. Die letzten Monate, wenn nicht Jahre, habe ich viel Musik gehört, die ich für mein Tanzen brauche, oder aber Pop und Singer-Songwriter. Alles sehr nett oder aber Deep. Im August war mir dann alles ein bisschen über und mir war nach mehr Druck, mehr Rohheit. Jetzt höre ich wieder Bob Mould, Billy Bragg, Soul, Jazz, The Jam.

Ich hatte mir im Urlaub Neil Tennants One Hundred Lyrics and a Poem gekauft und ein paar Texte, aber vor allem die Einleitung gelesen. Neil Tennant ist unfassbar komisch, belesen, fantasievoll und als Songwriter einfach brilliant.

Vielleicht hilft es ja, mich ein bisschen in Lyrik einzulesen.

Wenn die Kinder sind im Dunkeln
Wird beklommen ihr Gemüt,
Und um ihre Angst zu bannen,
Singen sie ein lautes Lied.

Heine

Ich habe einmal versucht, aus einem Text, den ich nicht selbst geschrieben hatte, einen Song zu machen. Erfolglos. Ich brauche eine Melodie, einen Rhythmus. Ich bin kein Texter.

Noch gebe ich nicht auf.

Tanz­workshops

Letztes und dieses Jahr hatte ich einige Tanzworkshops besucht. Dabei habe ich Techniken für den Körper und Zugänge zu Bewegungsabläufen gelernt. Nebenbei gab es Erklärungen zu den Ideen, die dahinter stehen.

Es hat sich gezeigt, dass es Ähnlichkeiten gibt. Eine Stunde fängt im Stehen oder Liegen an und aus der vollkommenen Entspannung bewegt man sich von kleinsten Bewegungen zu größeren, die den ganzen Körper in Bewegung versetzen. Anschließend folgen Bewegungsimpulse, initiiert durch Partner oder durch die Umgebung oder durch ein Bild, eine Vorstellung. Danach kooridiniert man diese Bewegungsabläufe in der Gruppe.

Tanz verbindet und die Koordination von Bewegungen mit anderen macht uns glücklich. Aeon hat dazu ein sehr schönes, kleines Video erstellt.

Im zeitgenössischen Tanz steht diese Verbindung der Menschen zu seinem eigenen Körper und zu anderen und dem Körper als Instrument der Sprache im Raum im Vordergrund.

Tagebuch von 1985

Gestern habe ich beim Aufräumen ein kleines Tagebuch aus dem Jahr 1985 von mir gefunden. Ich habe nie wirklich Tagebuch geführt, es umfasst einen Zeitraum von etwa zwei Wochen. Zwischen den leeren Seiten liegen drei Zetteln, auf denen ich mir Gedanken notiert habe. Ich wurde in dem Jahr achtzehn.

Erstaunlich ist, dass ich noch heute so ähnlich schreibe, also denke. Ich habe ja sowieso festgestellt, dass ich immer noch die gleiche Person bin, die ich mit achtzehn war. Erst mit Schrecken, dann erstaunt, etwas amüsiert, heute damit ganz zufrieden.

Hier und da habe ich nachträglich etwas gerade gerückt. Dinge, die ich hätte tun sollen, habe ich getan und werde sie weiter tun.

Aber ich bin nie ein neuer oder anderer Mensch geworden, sondern der geworden, der ich auch schon damals war. So schräg und schrullig das auch ist.