Dub

Heute Morgen ließ ich eine Dub-Playlist laufen. Die Tochter hörte einen Part, der aus einer sehr gängigen Kombination aus Rhythmus und einem sehr einfachen Basslauf bestehend aus zwei Tönen bestand. Nichts Besonderes, was ja beim Dub durchaus üblich ist.

Da ich sehr selten Dub oder Reggae höre, klang das Stück für sie sehr typisch und erinnerte Sie an einen anderen Reggae-Part aus einem Kinderfilm. Sie konnte nicht verstehen, dass der Part nicht geklaut war, sondern einfach nur zufällig ähnlich.

Mir fiel auf, dass Dub eine Musik ist, die überhaupt nicht darauf angelegt ist, ein Stück mit Urheber zu sein. Ein Stück, das man stückweise verkaufen kann. Dub entsteht live oder live im Studio und eine Dubplate ist nur ein Einzelstück, das durch die Interpretation durch viele überhaupt erst lebendig wird. Musikalische Ideen werden wertgeschätzt und mit Respekt behandelt und je mehr es Verbreitung findet, desto wertschätzender ist es.

Dub ist eine lebendige Musik, die wenig mit dem zu tun hat, was wir unter einem Song oder Lied verstehen, das dazu da ist, um Geld zu verdienen. Nicht Musik als Produkt, sondern als lebendige Kulturform.

Klampfe

Meine erste Gitarre bekam ich mit Dreizehn. Es war eine Konzertgitarre, auf der ich Peter Burschs Gitarrenbuch und den Liederkarren von vorne bis hinten durcharbeitete. Ich lernte Griffe, Rhythmen und Singen. Ich hörte mir Musik an, die ich sonst nie gehört hätte: Simon and Garfunkel, Cat Stevens … Singer-Songwriter. Die Musik, die ich eigentlich hörte, konnte ich mit der Gitarre nicht spielen: Elektronisches Zeug, Reggae, New Wave. Ich wollte Schlagzeug spielen und Keyboard.

Da ich rhythmisch einigermaßen begabt bin, eignete ich mich hauptsächlich als Rhythmusgitarrist. Ich beschränkte mich also beim Spielen auf Akkordfolgen und Rhythmus, in Bands macht das nicht so richtig Spaß, alleine funktioniert es besser. Wenn ich Lieder sehr mochte, spielte ich sie auf Gitarre nach, auch Lieder, in denen gar keine Gitarre vorkam. Ich nahm in meinem Zimmer Songs auf, indem ich von Cassette auf Cassette überspielte und über einen Kanal Gitarrenspuren hinzufügte. Eine Zeit lang konnte ich die halben Charts nachspielen und -singen.

Meine zweite Gitarre war eine gebrauchte Yamaha Westerngitarre mit Tonabnehmer. Ich kaufte mir einen Verzerrer, ich wollte zwar keinen Rock spielen, aber doch etwas rockiger. Der Sound war sehr eigen. Danach kaufte ich mir eine E-Gitarre, die ich irgendwann komplett abschliff, beizte und ölte. Ich kaufte mir auch eine Telecaster, die ich aber schnell wieder verkaufte. Ein Freund verkaufte mir seine alte Jazz-Gitarre, die klang, wie eine alte Mülltonne, aber ich mochte sie.

Anfang der Nuller war ich im Schanzenviertel unterwegs und sah, dass es den Gitarrenladen Schalloch noch gab. Gitarrenläden üben eine Sogwirkung auf mich aus. Ich teste ein paar Gitarren, verliebte mich in eine Aria Sandpiper und verließ den Laden mit der Gitarre in der Hand und sechshundert Mark Schulden bei meiner Schwester. Die Sandpiper ist die einzige Gitarre, die ich noch habe, und ich spiele regelmäßig auf ihr. Ich spiele nur noch Songs und Lieblingslieder nach, wobei ich möglichst reduziere und vereinfache; Melodien, Solos und Zwischenteile lasse ich weg. Eigentlich spiele ich nur Gitarre, um mich selbst beim Singen zu begleiten, ungefähr so wie Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany.

Diese Woche war ich in Bremerhaven und entdeckte zufällig den Gitarrenladen eines Gitarrenbauers. Er lässt Korpus und Griff anfertigen und vervollständigt sie dann selbst. In der Vitrine hatte er eine signierte Gitarre von Jeff Beck stehen. Ich probierte seine Gitarren aus und war sehr angetan, sie waren bezahlbar, klangen sehr gut und ließen sich gut spielen. Der Laden ist verspiegelt und man muss klingeln, um reinzukommen. Er führt einen dann in einen großen, recht dunklen Raum, in dem seine gefertigten Gitarren stehen. Ich musste mich sehr zusammenreißen, Bremerhaven ohne neue Gitarre zu verlassen. Vielleicht nächstes Jahr.

Bücher

Ich habe seit langer Zeit mal wieder Bücher durchgelesen. Es liegt daran, dass sie nicht sehr dick waren und es sich um Sachbücher handelte. Das Buch über den Schlaf habe ich nicht weiter gelesen. So genau interessierte es ich dann doch nicht, ob Sportler nach sieben Stunden Schlaf fünf Zentimeter höher springen als nach vier Stunden. 

Hier die durchgelesenen Bücher in Kürze:

Der Krake, das Meer und die tiefen Ursprünge des Bewusstseins

von Peter Godfrey-Smith

Ich habe sehr viel gelernt, über Kraken, die Evolution des Denkens und über das Altern. Es ist zudem sehr anregend, sich in die Beschaffenheit der Kraken hineinzudenken. Seit Lems Solaris wurde ich nicht mehr derart herausgefordert. Es ist für mich absolut nachvollziehbar, weshalb Menschen versuchen, mit Kraken zu kommunizieren und sie erforschen wollen. Großartige Begegnung der dritten Art. Nichts ist für mich anregender als das Befremden des Bekannten in ästhetisch ansprechender Form.

Nähe

von Giovanni Frazzetto

Das Buch ist in mehreren Geschichten unterteilt, in denen Menschen unterschiedliche Arten von Liebesbeziehungen eingehen. Die Art der Beziehungen wird aus psychologischer und neurobiologischer Sicht erklärt. Die Herangehensweise ist außergewöhnlich und könnte unterhaltsam sein, wenn die Geschichten funktionieren würden. Tun sie bei mir aber nicht, weil sie furchtbar klischeehaft wirken. Würde ich sowas als Film sehen, würde ich sofort wegzappen oder mir aufgrund der Beschreibung gar nicht erst ansehen. Das Charakteristische der Beziehungen zu beschreiben, hätte mir vollkommen gereicht. Es geht in dem Buch zwar auch um Nähe, aber doch aus der Perspektive von Beziehungen. Frazzetto tänzelt um das Thema herum und wirkt so als wolle er sich dem eigentlichen Phänomen nicht nähern. Sobald er sich einem Phänomen nähert, schwenkt er kurz und knapp zur Wissenschaft, die dem eigentlichen Phänomen nicht so richtig auf die Spur kommt. Pflückt man das Buch wieder auseinander, bleiben Geschichten, die überhaupt nicht mein Stil waren und wissenschaftliche Aussagen, die ich dünn fand und überhaupt nicht neu oder überraschend. Die Technik der Kombination funktioniert für mich nicht. Das ist schade, denn die Gedankengänge sind sehr gut. Das Buch hätte mir im Stil von School of Life sehr gut gefallen.

Das entfesselte Jahrzehnt

von Jens Balzer

Ich habe die 70er als Kind erlebt, die 80er als Jugendlicher. Ich weiß wenig über die Zeit, habe sie aber als Erlebnis präsent. Ich habe durch über das Buch viel Neues erfahren und kann die Verbindungen und Gedankengänge, die Balzer knüpft, sehr gut nachvollziehen. Ich habe die gleiche Begeisterung für Pop springe genau so gerne gedanklich in der Gegend herum und versuche daraus Zusammenhänge zu erkennen. Das Buch hat bei mir offene Türen eingerannt und sein Wissen hat meine Neugier mehr als befriedigt. Ich fand das Buch großartig, was an mir liegt. Und natürlich an ihm.

Twen

Von der Zeitschrift Twen hatte ich nur gehört beziehungsweise gelesen. Ihre gestalterische und typografische Qualität gilt als besonderes Beispiel für ein funktionierendes Raster. Ihre inhaltliche Ausrichtung ist ein anderes Thema.

Von sexueller Offenheit und Aufklärung wechselte sie Ende der 60er offensichtlich zu reinem Softporno. Zurück zur Gestaltung. Ich habe mir ein Heft aus dem Jahr 1963 gekauft. Ich bin selbst erstaunt, was für ein fremdartiges Objekt ich in den Händen halte. Sie ist groß wie eine Zeitung. Ebenso merkwürdig ist der Stil der Texte. Ich lese journalistische Texte aus der Zeit nur über Spiegel-Online, wo man ja noch einen gehobenen Stil pflegt. Diese Zeitschrift ist so fremd, dass ich wohl etwas länger brauchen werde, bis ich mir ein Bild von ihr gemacht habe. Was jedoch gleich ist Auge fällt, ist die Qualität des Rasters, der freie Umgang mit Typografie und die gesamte grafische Qualität durch hohe Schwarz-Weiß-Kontraste.

Der Blickwinkel, aus dem ich Twen betrachte, ist vor allem der einer uniformen Tyografie und Gestaltung digitaler Formate. Alles drängt auf schneller Informationsverarbeitung, so dass Twen wie ein Kunstobjekt aus einer anderen Welt erscheint. Jedes Mal, wenn ich in ihr blätter, entdecke ich Neues. Erstaunlich daran ist, dass ich ja mit Gestaltungskonzepten aufgewachsen bin, die noch ähnlich waren und die man sich vollkommen abgewöhnt hat. Es hat ein Modernisierungsprozess stattgefunden, den ich selbst erlebt und mitgetragen habe. Einzig Spex hat eine ähnliche Qualität gezeigt. Ich interessiere mich nicht mehr so für die Texte in Spex, deshalb kaufe ich sie schon länger nicht mehr, jetzt bin ich Abonnent ihres ausschließlichen, digitalen Formates, das leider nicht sehr gut ist.

Was an Twen im Unterschied zu Webdesign auffällt, ist die Möglichkeit, jede Seite anders zu gestalten. Jeder Artikel ist ein eigenes kleines Gestaltungswerk. Das könnte nervig sein, ist es aber nicht, weil es rein über hochkontrastiges Schwarz-Weiß geschieht. Die weniges Farbfotos sind spärlich eingesetzt, nur für ein Artikel über eine junge Frau wird Farbe eingesetzt. Der Stil und die Art der Darstellung von Frauen ist unerträglich. Man muss schon genau wissen, warum sich eine Twen kauft und aufschlägt.

Ich lese gar keine gedruckten Magazine oder Zeitschriften mehr und gestalte auch selbst nur noch digital für mich und nur zum Spaß. Mit Webfonts und CSS kann viel anstellen, aber jede Automatisierung fordert Vereinheitlichung oder ich muss vorher wissen, was ich tue und kann es nicht wie im Baukastensystem frei gestalten. Das finde ich unbefriedigend und der Spaß geht dabei verloren. Ich bin ein bisschen müde geworden, Templates und Layouts begeistern mich nicht mehr. Aus einem ähnlichen Gefühl entstand 2013 neocities.org. Für dieses Blog versuche ich, wieder etwas mehr Spaß an der Gestaltung zu gewinnen.

Morgenmuffel

Ich komme morgens sehr gut aus dem Bett, nach einer Stunde Lesen und einem Kaffee. Den Kaffee stark und schwarz, die Lektüre in kleine Portionen und unterhaltsam. Geht mir noch ein guter Gedanke im Kopf rum, schreibe ich ihn auf. Manchmal entsteht daraus ein ganzer Text. Danach kann ich mich unterhalten. 

Ich kenne viele Menschen, die ihre Zeit morgens brauchen. Als ich noch in WGs wohnte, nannte man uns Morgenmuffel. Heute Morgen kam mir das Wort in den Sinn und mir fiel auf, dass ich es schon lange nicht mehr gehört habe. Das würde man heute auch als etwas unangemessen unverschämt halten. Muffel kommt von murren und im Gesichtsausdruck zeigt es sich durch heruntergezogene Mundwinkel. Ob meine Mundwinkel morgens herunterhängen, habe ich nie geprüft, es fühlt sich eher so an, als müsse es sich erst vollständig entfalten. Viel wichtiger ist die Frage, ob man in der Lage ist, eine Kaffeemaschine zu bedienen.

Beim Zusammenleben kann das zum Problem werden, wenn man nicht freundlich und angemessen kommuniziert. Ich habe aber den Eindruck, dass das zunehmend akzeptiert wird, weil es nicht mehr den Stellenwert wie früher hat. Fröhlich flötende Menschen wirken ebenso unangemessen.

Ich habe das Wort Morgenmuffel auch lange nicht mehr gehört und mich erstaunt immer wieder, wie plastisch und drastisch die Menschen sich gegenseitig bezeichnet haben. Heute sagt man „schlecht drauf“, schlecht drauf sein kommt meines Wissens aus der Drogenkultur. Der Standard und Anspruch ist jedoch immer noch derselbe, nämlich möglichst schnell fit und aktionsreich den Tag zu beginnen, möglichst direkt mit dem Aufstehen. So sind die ersten Treffer bei Google auch die üblichen 10 Tipps gegen Morgenmüdigkeit, ganz in alter Tradition der Zeitschriften, die zur Selbstoptimierung anregen.

Mit der Zeit habe ich gelernt, meinen Motor langsam hochzufahren, indem ich weiß, wie und wann ich einen Gang höher schalten muss und ich kenne die Art des Weges, um in Fahrt zu kommen. Das muss jeder für sich selbst rausfinden. Tablet, Smartphone, Bewegung und Kaffeekultur sind jedenfalls sehr hilfreich.

Es gibt genetisch bedingte Nacht- und Tagmenschen. Nachtmenschen haben bei unserer Lebensweise einen Nachteil. Für alle Menschen gilt: das Gehirn im Schlaf durchläuft aktiv Prozesse und braucht dafür acht Stunden. Nach einer sechsstündigen Schlafphase kann man aufwachen, braucht dann aber einen Mittagsschlaf. Schlaf nachholen kann man nicht. Wer zu wenig schläft, hat in etwa die gleiche Gehirnleistung wie unter Alkoholeinfluss. (Quelle: Walker, Das große Buch vom Schlaf).